Andreas Donau live auf der Heidi 1''Für Songs habe ich mich eigentlich nie interessiert ..''

.. so wird er beim DLF* zitiert. Und da doch eh' alle bei den Liedern ungeduldig auf den Chorus lauern, macht Andreas Dorau dem Warten ein Ende: Seine Songs kommen ohne Strophen aus. Es gibt nur noch Refrains, Refrains, Refrains!

Das ist das Konzept des neuen Albums "Das Wesentliche", dass 14 bis 28 (in der Deluxe-Version) Songs (nein, "Stücke") präsentiert, deren Texte im Loop gefangen bleiben. Unterstützt haben ihn dabei die üblichen Verdächtigen: Carsten "Erobique" Meyer, Tim Lorenz, Zwanie Johnson, Carsten Friedrichs sowie Martina Weith (Östrogen 430!) und Hagar (eine Original-Marina vom ersten Hit).

Das Ergebnis ist genauso, wie es klingen würde, wenn moderne Menschen zur hauseigenen KI sagen würde: "Spiele alle Songs von Andreas Dorau - aber immer nur den Kehrreim" (auch wenn das leider recht wenige moderne Menschen tun würden): eingängig, entwaffnend, mitunter pumpend.

So ist "Naiv" eine stampfende Pop-House-Nummer, die eigentlich für immer weitergehen sollte. Dafür müsste Tim Lorenz am Computer nur ein bisschen an den Reglern drehen und  mit dem Echo spielen oder Carsten Meyer die Tasten länger traktieren - wir wären über Stunden begeistert. Doch: nix da. Der Song ist nach zwei Minuten vorbei. Das gleiche gilt für den "Indie-Hit" "Menschen tragen graue Hüte" oder "Fallen". Gerade hat man sich mit den Liedern bekannt gemacht, schon haben sie sich wieder verabschiedet. Wer jetzt - irregeführt durch CD-Spiellängen - nach "Value for Money" schreit, hat das Prinzip nicht verstanden. Wir wollen nicht ein Stück vom Braten - wir wollen den gesamten Nachtisch!

Oder eben alle Blüten ohne Gestrüpp - so die Umsetzung des Covers von Christian Küpker, der schon vor über zehn Jahren Daraus "Ich bin der eine von uns beiden" gestaltete. Hier werden nicht nur Pflanzen befreit, sondern auch die Kirschen von den Pralinen - und erinnert in seiner Dekonstruktion ein bisschen an die Hülle von MJ Coles "Sincere"-Album.

Live im Hamburger Hafen

Ob der schlaue Kunstgriff - der ursprünglich aus einer Produktion für das Berliner Pop-Kultur-Festival entstand - tatsächlich einer tiefen Eingebung geschuldet ist oder eher der Tatsache, dass Meister Dorau aus der Not einer Tugend macht? Denn längere Texte kann er sich bei Live-Auftritten nicht merken.

Rettung naht mit der Frau HediDoch auch hierbei bleibt er sich treu. Selbst bei der Konzentration auschließlich auf die übersichtlichen Wiederholungszeilen der neuen Songs, ist der Textspeichers im Oberstübchen beim der Album-Präsentation auf der Barkasse Frau Heidi nicht perfekt. Stört das irgendjemanden? Nicht die Freunde und Anhänger, die sich zwei Stunden durch den Hafen schippern lassen. Angeheizt durch ein tolles House- und UK-Garage-Set mit Moloko, Soul II Soul, Louie Austen und Justus Köhncke, freuen sich alle über die paar Songs, die wir hier live erleben -   anscheinend in der Art eines ICE: "Die Wagons laufen heute ausnahmsweise in umgekehrter Reihenfolge ein". Es beginnt mit dem endgültigen "Nein" und schliesst mit dem auffordernden "Hey Tonight". Eingefahrene Wege überlässt er halt anderen.

So wanken am Ende alle selig von Bord, bepackt mit autografierten Schallplatten, CDs und abgepflückten Postern. Wir hatten viel Spaß - ohne uns dem kleinsten gemeinsamen Nenner andienen zu müssen. Und das ist doch auch etwas Wesentliches.

 

*) Andreas Donau: "Jeder Idiot kann heute in die Charts", Deutschlandfunk, 01.06.2019