Für wen die Pet Shop Boys nur eine weitere Eighties Pop-Band sind, die ihren Höhepunkt hinter sich hat und auf Oldie-Tournee gehört, möge gern jetzt einen anderen Text wählen. Denn auch wenn das Duo seine "Imperial Phase" selbst vor Jahrzehnten verortet, veröffentlichen sie weiterhin Kommentare zum Zeitgeschehen zwischen Privatem und Öffentlichem, Pop und Politik, "Che Guevara and Debussy to a Disco Beat" - indeed. Zwischen zwei Alben haben sie kurzerhand eine 4-Song-EP veröffentlicht (ein Anachronismus, fürwahr), für die sie mit einem anderen Produzenten - nämlich Tim Powell (schon beim Album "Yes" dabei) - und ungewohnt direkten Texten arbeiteten.

Ist das nun die erste offizielle PSB-Power-Rockballade oder doch eher ein Kinderlied? Chris und Neil greifen hier tief in die Klischee-Kiste. Und es gibt auch keinen Preis für das Erraten der Inspiration des Textes - spätestens in der Bridge bei "gotta grab whatever you can" ist es zu offensichtlich. Ist das ein Song für den griechischen Chor der Trump-Wähler? Das "Why face the facts when you can feel the feelings?" - geht aber auch in die andere Richtung. Wenn politische Überzeugung nur noch gefühlt wird, hat sie keine Überzeugungskraft mehr.
Der sarkastische Ton und das simple Arrangement machen aber auch deutlich, dass die Pet Shop Boys sich zumindest hier auf dem Rückzugsgefecht befinden. Der Glaube an das Große, Schöne, Wahre scheint erschüttert. Im Guardian wiegelt Neil ab: "It’s close to a protest song, but it’s also funny.”

"While democracy is losing its way
and greed is getting greedier
console yourself with a selfie or two
and post them on social media"

Ja, das hier ist auch nicht der Texter Tennant, den wir kennen. Er bleibt fast schmerzhaft eng am Thema. Keine Anspielung, kein doppelter Boden, wenig Wortwitz (außer "pontificate"). Doch vielleicht kämpft der Sänger hier bewusst nur auf Augenhöhe mit dem Objekt. Vielschichtige Diskussionen und Meta-Ebenen findet man im heutigen Internet nur sehr versteckt in kleinen, privaten Runden. Große Themen werden (fast) nur noch im emotionalen Affekt behandelt: „Schärfere Gesetze“ „Böser Geschäftsführer“ „süße Katze“. "Social media promotes emotional illogicality in all its forms: racism, prejudice and of course nationalism”, so Mr. Tennant im genannten Interview. Ob Neil dieses Publikum nun erreichen (fraglich, weil andere Generation) oder nur beschreiben will, kann sich jeder aussuchen. Schlusszeile: "I feel so empowered!"

Eine gute Frage eigentlich. Auch der dritte Song der EP ist unmissverständlich. Für "sie" gilt nur, was ihr Vermögen vermehrt auf Kosten der anderen. PSB selbst nennen es einen "Mock-Protest"-Song, machen sich also gleichzeitig über die geäußerte Kritik lächerlich. "Don't hate the Player, hate the Game" heißt es in der Kapitalsmuskritik. Ob Sie das meinen? In der Vergangenheit äußerte sich Neil Tennant eher linksliberal und vertrat schon mal die Ansicht, die beste Regierungsform wäre ein gutmütiger Diktator. Musikalisch ist dies ein Glam-Rocker (für ihre Verhältnisse), ein schlagzeug-getriebener Song, der manchmal an den Bombast von "Go West" erinnert. Bin auf das erste Mash-Up mit Gary Glitters "Rock'n'Roll Part 2" gespannt.

Nicht ganz so offensichtlich wie die ersten drei, beschreiben die beiden Herren hier den Verlust der Demokratie. Sie sei "die beste Entschuldigung für Notstandsgesetze" und würde ständig im Munde geführt. Jetzt ist sie weg. Musikalisch bleiben sie diesmal im bekannten Kosmos: melancholische Melodie, Moll-Akkorde - the whole lot. Eine Erleichterung für alle Fans.

The Fans were not amused

Apropos Fans - diese kleine Außer-der-Reihe-Veröffentlichung des Duos löste bei den Anhängern recht unterschiedliche Reaktionen aus. Die einen bemängelten die fehlende Raffinesse der Texte, andere hoffen auf ein "Return-To-Form" auf dem kommenden Album (dann wieder von Stuart Price produziert) und Dritte ätzten, ob PSB nicht selbst zu den Reichen gehörten, die sie hier angreifen. Für eine sonst eingeschworene Fan-Gemeinde ein recht widersprüchliches Feedback, das man ihnen fast zu Gute halten kann.
Ich selbst bin mir noch nicht einig, ob hinter den plakativen (ersten drei) Songs nun kalte Wut oder eine mehrschichtige Raffinesse steckt. Die Songs bohren sich dann doch ins Ohr und sind in ihrer Einfachheit ansteckend - wahrscheinlich auch für Anhänger eines anderen gesellschaftlichen Weltbildes. Und die Vorstellung von Demonstranten die "What Are We Gonna Do About The Rich" singend durch die Mönckebergstraße ziehen - anstatt Bap oder Bots - hat dann doch etwas Fröhliches.

Dennoch wünsche ich mir nicht nur insgeheim die alte "Tiefe" der PSB zurück.

 

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