Es kommt sehr spät, aber es kommt: Die neue Ausgabe des Rolling Stone Magazins enthält eine Motown EP auf Vinyl mit vier legendären Songs des Detroiter Soul-Labels. Endlich können Anhänger des "Handgemachten, Ehrlichen, Schweißgetränkten" auch etwas Elegantes in ihre Schallplattensammlung aufnehmen.*) Und die Auswahl ist recht gut:

Marvin Gaye

What's Going On - der Song, der aus dem Loverboy einen Künstler machte. Aufgenommen im Geheimen mit aktiver Unterstützung der legendären Funk Brothers (deren Namen auf dem Album zum ersten Mal bei Motown genannt werden), mit markigen Worten abgelehnt von Label-Chef und Schwiegervater Berry Gordy, von einem Vertrauten dennoch in den Vertrieb gegeben und schließlich sehr erfolgreich und weichenstellend.

Funky, relaxt und gleichzeitig anklangend: Marvin hat die Gespräche seines aus Vietnam heimkehrenden Bruders zu einem Song geformt. Inhaltlich geht es um Protest, Anti-Kriegs-Haltung, Polizeibrutalität (und im folgenden gleichnamigen Album auch um Umweltthemen). Dazu gibt es ein Arrangement mit flirrenden Geigen, einer treibenden Basslinie, viel Percussion und - zum ersten Mal - dem mehrfachen Marvin im Duett. Aus einem kleinen Fehler beim Abhören wurde ein neues, permanentes Stilmittel. Es ist nur ein Appetizer, aber wer den Song noch nicht im Repertoire hat: Pflicht.

Marvin Gaye What's Going On Live 1972

Diana Ross

Yes, eine Disco-Hymne! Schön, dass hier nicht der ganz defensive Weg (Klassiker, die mittlerweile auch ein verschnarchter Musikhörer akzeptieren kann) gewählt wurde. Aber wahrscheinlich doch eher selektiert, um ein "jüngeres" oder "weibliches" Publikum anzusprechen.

Upside Down sollte natürlich jedem bekannt sein. Aus "Diana" dem erfolgreichen Comeback-Album der Eiskönigin von den Supremes von 1980. Geholfen haben hier hörbar Nile Rogers und Bernard Fowler von Chic, die den Song geschrieben und produziert haben. Muss man eigentlich nicht viel mehr zu schreiben, außer, dass die Original-Einspielungen von Motown im Anschluss neu abgemischt wurden - sehr zum Ärger von Nile und Bernard. Das Original gab es erst 30 Jahre später zu hören.

Diana Ross - Upside Down (Original CHIC Remix)

The Velvelettes

Needle in a Haystack - ein früher Northern Soul Klassiker aus dem Jahr 1964 mit Handclaps, Chor und Lebensweisheit: Einen guten Mann (Partner) zu finden, sei so einfach wie die Nadel im Heuhaufen zu entdecken. Die Velvelettes veröffentlichten während ihres Bestehens nur ein paar Singles und ein Haufen unveröffentlichte Aufnahmen. Gruppen-Mitglied Betty Kelley wechselte im Anschluss zu den Marvelettes. "Needle" war einer der frühen Songs von Norman Whitfield, der später mit den Temptations, Undisputed Truth, Edwin Starr und Willie Hutch den Motown-Sound ab Ende der Sechziger dominierte.

THE VELVELETTES - NEEDLE IN A HAYSTACK (RARE VIDEO FOOTAGE)

Martha & The Marvelettes

Nochmal Marvin: am Schlagzeug und als Songwriter - obwohl er nur den Titel des Songs beigesteuert haben soll. Laut Marthas Erinnerung allerdings hätte er auch ein softeres Arrangement gehabt, dass sie Live im Studio mit ihrer Stimme zur Seite schob. 

Dancing In The Streets ist nicht nur die Einladung zum Wohlwillstraßenfest, sondern wird auch als versteckter politischer Aufruf ausgelegt: "Are you ready for a brand new Beat?". Ein Jahr zuvor gab es landesweite Riots in den amerikanischen Großstädten, die auch im Song genannt werden. Die Rolling Stones referenzierten in "Street Fighting Man": “Summer’s here and the time is right for fighting in the street.” 

Wer nach dem Original auch nur eine Sekunde für das Bowie/Jagger-Remake übrig hat, möge bitte zum Briefmarkensammeln zurückkehren. (Auch wenn die Cover-Version auch Martha Einnahmen beschert hat).

Martha & The Vandellas "Dancing in the Streets"

Fazit: Netter Ansatz - aber das Cover zieren die Beatles

Eine gute Auswahl aber natürlich auch recht rückwärtsgewandt. Spannender wäre sicher eine EP mit neuem Soul/Hip-Hop gewesen. Und das ausgerechnet die Beatles aufs Cover müssen, zeugt auch von der Verzweiflung in der Redaktion. Aber mit dieser Aktion haben jetzt auch Engstirnige wenigstens zehn Minuten gute Musik im Regal. Und vielleicht erhöht diese Aufmerksamkeit ja die Chance, die neue Dokumentation "Hitsville: The Making Of Motown" auch im heimischen Kino zu sehen.

*) Dass das natürlich eine Promo-Aktion mit Universal-Records ist zum Anlass von "60 Jahre Motown", braucht uns in diesem Zusammenhang nicht zu kümmern.