© bigbasspic / Benjamin Hüllenkremer

ToyToy waren sich ihrer Aufgabe bewusst. Und das mussten sie auch. Denn wenn fünf Bleichgesichter aus Europa ein Werk wie „The Miseducation of Lauryn Hill“. re-präsentieren, mit Texten über Rassismus, Sexismus und dem Leiden in der Welt, dann klingt das schnell anmaßend.

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Ihre Antwort darauf war simple und einleuchtend: Sie erteilen sich die Aufgabe, das Album mit diesem Konzert - und der anschließenden kleinen Tour - einfach weiter in Welt hinaus zu tragen. Auf dass es weitere Kreise ziehe. Und der Ansatz schien schon im Vorfeld zu greifen: Das Konzert war ausverkauft.

Rejazz2: Melodien mit Blow

Standen beim ersten „Rejazzed“-Aufschlag zu „Midnight Marauders“ noch die Instrumentals im Vordergrund, holten sich die Jungs von ToyToy diesmal ordentlich Verstärkung. Da ist Fiva MC extra aus München - seit 20 Jahren im deutschen Hip Hop zuhause - Jamie Watson, die durchaus eine aktuelle Lauryn Hill werden könnte, Nora Becker, deren Stimme ihr auch von Werbeclips kennt, Adrian Hanack am Saxophon zusammen mit Anna-Lena Schnabel. Und oben drauf dann noch die ToyToy StringsStrings.

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Schon in den ersten Sekunden sind alle im Groove - auf und vor der Bühne. "Doo Wop" setzt uns schon mal richtig auf die Spur. Und da kommen wir auch schwerlich wieder runter. Dabei wiederholen  Silvan und „seine“ Frauen und Männer nicht konventionell einen Longplayer, der mittlerweile auch 20 Jahre alt ist - sondern setzen Akzente immer dann, wenn die Gefahr einer „Greatest Hits“-Show aufkommen könnte. Dann werden Songs der Gäste mit eingewoben - z.B. "Goldfisch" oder "Blaue Flecken" und dann konfrontieren die Musiker das Publikum mal mit seinen Hörgewohnheiten.

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Am überzeugendsten gelang das bei „Can’t take my eyes off of you“. Die alte Kamelle mit dem tollen Chorus - im Original von Franki Valli, bei uns bekannter von Andy Williams, den Pet Shop Boys und Tausend anderen - hätte uns umschmeicheln können, oder in kollektiven Singsang treiben, doch Adrian und Anna-Lena zerlegen die Melodie nach alter Jazz-Art. Ihre Version von „Lost Ones“ in derselben Besetzung kombinierte Lauryns Stimme vom Band mit klaren, kantigen Blows von der Saxophonistin. Das erinnert schon an „Powersaxx“ von Public Enemy mit Branford Marsalis an der Tröte.

Ein neuer Jazz in Hamburg?

ToyToy Rejazzed

Rejazz: Midnight Marauders - live (click)

Gerade diese Wagnisse sind ein Zeichen dafür, dass die neuen Jazzmusiker in und um Hamburg weit mehr sind als retro mit dem Instrument als hübsches Accessoire. Hier wird sich die Musik-Geschichte eigenständig erarbeitet. Vielleicht auch, weil das im hiesigen Radio nicht mehr stattfindet. Und das könnte die Chance für eine ganz neue Live-Szene sein. Geeignet für Publikum und Musiker, die Musik zu mehr als dem Taktgeber für den Aufstehen-Arbeiten-Essen-Schlafen-Rhythmus brauchen. So wie ein guter Text erst verstören muss, um neue Gedanken zu ermöglichen, scheint der "neue Jazz" wenig in Gemütlichkeits-Traditionen gefangen und keiner Angst sich abzuschotten - aber ohne dabei beliebig zu werden. Möglicherweise befreit die Tatsache, dass man sich um einen klassischen Mainstream-Erfolg keine Gedanken (und Kompromisse) machen muss.

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Zum Abschluss des Abends stehen oben 15 strahlende Musiker und blicken auf hunderte strahlender Gesichter hinunter. Rejazz bleibt eine vielversprechende Reihe und eröffnet Jazz ein neues Publikum: Der Altersdurchschnitt lag bei Anfang 20. Vielleicht wagen sich die die ToyToys das nächste Mal an ein abenteuerliches Album außerhalb des näheren Umfelds, um den Spannungsbogen weiter zu halten. 

„The Miseducation of Lauryn Hill“ wird am 18. März noch einmal im Knust gespielt. Außerdem gehts noch nach Leipzig (26. Januar) und Berlin (31. März).

P.S. Dank an bigbasspic / Benjamin Hüllenkremer für die Fotos!