Schon wieder die Sleaford Mods in Hamburg und zugegebenermaßen wollte ich eigentlich nicht hin. Doch dann Gruppenzwang aus der Nachbarschaft: "Platte und Ticket ohne Widerrede" – also gut, dann einmal noch.
Immerhin stehen die beiden nicht auf einer Riesenbühne – wie in Berlin vor ein paar Tagen, sondern in der ex(?)-verschwurbelten Großen Freiheit. In dieser Größe ist das natürlich ausverkauft, denn darauf scheint sich jeder hier einigen zu können: irgendwie Punk, irgendwie Wut, irgendwie elektronisch: Best of all worlds!
Die Ansammlung der Zauselbärte
Für uns dürfen Jason und Andrew bellen und gestikulieren und stolzieren und tanzen, da man sich selbst das alles längst abtrainiert hat. Die Breitseite gegen die Welt, wie sie die Sleaford Mods abfeuern, bringt kein Lob vom Chef und keine verwertbare Reichweite bei Insta. Daher geht es hier nur um die innere Selbstvergewisserung: „Ich könnte noch richtig wild sein, wenn ich wollte.“
Und das ist das Problem: Die Ansammlung der Zauselbärte im Publikum will nämlich gar nichts mehr, außer der „Härte gegen das Böse“-Inszenierung zuschauen. So wird die Begeisterung für die Vorband Snayz nachvollziehbar – auch Lieblinge vom „neuen“ Pistols-Frontmann – ha ha ha. Holterdipolter ohne Tune oder Charme. Dumpfes Macho-Gepose in Tarnanzug und rundum tätowiert. Bad Boys – so boring! Kämen sie aus den USA, könnten sie beim ICE-Kommando sicher mehr Geld verdienen.
Einzig das Sportdress der Drummerin bekommt ein Sternchen von mir. Aber wer sich mit diesem Malen-nach-Zahlen-musizieren zufrieden gibt, für den ist der Weg zu den Scorpions oder Celine Dion gar nicht mehr so weit. Daher ist mit diesem rebellionssymboltrunkenen Publikum keine Revolution mehr zu führen.
Souveräne Sleafords
Der Main Act bleibt ordentlich im Saft, die Variationen und Gäste der letzten Platte werden eingeblendet und Jason singt ein bisschen. Die Bühne ist passend verkleidet und ausgefüllt – kaum größer als damals im Hafenklang. Aber elf Jahre sind eine lange Zeit: Fünf Prime Minister später ist aber auch nix besser geworden. Im Gegenteil – alle wissen: Von nun an geht’s bergab. Eigentlich ein passendes Cover.
Dafür dann endlich auch live: „West End Girls“ – ihre Benefiz-Single – aber Achtung: ein echter Song! Und damit machen sie deutlich, dass 90 Minuten ihrer eigenen Songs einfach zu lang sind. Eine Albumlänge reicht. Ja, die Sleaford Mods suchen Variationen und binden neue Kräfte ein, Andrew tanzt viel besser und Jason bleibt ein Top-Frontmann! Nur: We‘ve heard it all before.
Otto Waalkes lässt grüssen?
Aber eigentlich erklärt das auch den Erfolg. Same, same no different – passt ideal zur Selbstversicherung (siehe oben). Das Publikum wünscht Härte und „Fuck off you wanker“ – als Outro für jeden Track. Und so bleibt der Eindruck: Auch wenn ein Volkstribun a la Bakunin auf der Bühne tobt – im Publikum davor stehen zu häufig Beavis und Butthead. Vielleicht auch kein Wunder, wenn das Merchandising so aussieht, als ob es von Otto Waalkes gestaltet wurde, als der seine Medikamente abgesetzt hatte.