Schon wieder vorbei – nur die Augenringe nicht. Vier Tage, Krach, Diskussionen, Panels, Schnacken, Kopfschütteln, Bändchen vorzeigen, Umarmen und – mehr oder weniger – nach Hause torkeln. Kurz: Das Reeperbahn Festival 2014 war in der Stadt.

Als ich als kleiner Buttje den Kosmos “Pop” für mich maskottentdeckte, hätte ich mir kaum vorstellen können, dass meine Heimatstadt in diesem Bereich mal irgendwann mehr zu bieten hat als das unendliche Beatles-Revival. Klar es gab die frühe Punk-Szene, ZickZack, Pudel, Beginner, Yo Mama, Subito usw. – aber jedes kleine Glimmern dieser Art, stand
einem drösigen Inferno aus “original handgemacht” mit Lederweste, Pferdeschwanz und Männerschweiß gegenüber, oder (zumindest zeitweise) dem unglaublich schleimigen Spektakel von Michael Ammer und Co.

Nein, nein, vor beidem ist das Reeperbahn Festival (RF) gottseidank weit entfernt. Schon die schiere Masse macht es auch für hellere Köpfe als die Vorgenannten schwierig, eine Orientierung zu behalten – geschweige denn eine Übersicht. In Zahlen: 300 Bands, 400 Auftritte und noch ca. 200 Panels, Diskussionsrunden, Showcases und Parties. Also ist das folgende höchst subjektiv – es geht gar nicht anders, soll es aber auch nicht.

Wednesday Week

austellungDas RF beginnt bei mir gar nicht auf der “Sündigen Meile”. Durch Zufall habe ich von “Recorded” erfahren, einer Ausstellung über Schallplattengeschäfte in Hamburg  – umgesetzt von Katrin Vierkant und Nicolas Christitch. In der K-OZ Gallerie Beim Grünen Jäger 11 konnte man die Aufnahmen bewundern, die als Buch veröffentlicht werden sollen. Die Fotos sind gelungen, die Texte sicher auch.

Die offizielle Eröffnung schenkte ich mir. Dafür war und ist weder Zeit noch überbordende Begeisterung vorhanden: Ob nun einst Honecker eine Lederjacke von Udo Lindenberg bekam oder Olaf Scholz “ein Rocker” ist (wie das Hamburger Abendblatt wieder staatstragend schrieb) – beide Nachrichten sind nicht für mich bestimmt. Also gleich direkt ins Mojo Jazzcafe. Doch bevor ich mir das Showcase von den befreundeten “Oh Bright Sparks” ansehe, hält mich ein bärtiger Plattenjockey davor auf. Bendix spielt 80er Funk, Boogie und Hip Hop – alles Stile, die auf dem RF eher ein Schattendasein führen: “The Message”, “Magic Wand” und vieles mehr.

bendixIch sag’s ja ungern, aber: das Jazzcafe ist als Bühne vollkommen ungeeignet. Man hat eigentlich die Wahl zwischen: von draußen die Band sehen (in der Backstage-Perspektive) oder von weit hinten an der Bar die Musik hören. Beides gleichzeitig erleben nur zehn Menschen. Kim und Ash machen ihre Sache gut und ich mag ihr “Sugar” auch live sehr gern. Radio-Pop wie er sein könnte.

Doch: die Nacht ist jung und das Festival ohbrightsparkserst recht. Also rüber zu einem der wenigen Künstler, die mir schon mehrmals über den Weg liefen. Der junge Münchener Jesper Munk bekleidet in klassischer James Dean-Tradition: Jeans, weißes T-Shirt zeigte im Imperial Theater mit seinen Mitstreitern an Bass und Drums was in ihm steckte: viel! Die Stimme ist gaaaanz anders, als das Äußerliche vermuten lässt. Hier jammert kein kleiner Indie-Boy sondern ein gestandener Mann. Die Stimme ist rauh, gluckst an den richtigen Stellen und nicht nur die Damen möchten ihn herzen. Der wird was, bestimmt! Ein paar fertigere Songs (wie die oben verlinkte Cover-Version) würden Wunder wirken.

FLATSTOCK_LOSTDas Flatstock war dieses Jahr arg geschrumpft, und das Fabio (@c_pictures) auch noch seine Poster bei German Wings verloren hat, setzte dem die Krone auf. Dafür war die Qualität recht hoch, kaum Skulls oder Gore-Motive. Wenn ich nur noch ‘ne Wand frei hätte….

Während mir die Oracles zu haarig waren und “I have a Tribe” – in der “unplugged” Jazz Cafe-Variant zu…zu…. sphärisch, begeisterten mich GUTS schon. Hip Hop im Jazz Cafe – mit den oben genannten “Obstacles”…

Malky, Bulgaren aus Leipzig, überzeugten mit weicher R&B-Stimme und guten Songs – sozusagen die helle Seite von Jesper Munk. One to watch. Zu den Young Fathers habe ich es anschließend leider nicht mehr geschafft. Dafür kurz zu “Die Nerven” im Molotow – zickig wie der echte hiesige Post-Punk (“Du kannst auch “Neue Deutsche Welle” zu mir sagen”) mal war, mit allerdings etwas zerfaserten Outros. Aber top!

Holy Thursday

Am Donnerstag erst einmal zu einer Session: Geld verdienen mit Seriengucken. Die Serienjunkies machen’s vor. Stolz wurde verkündet: “Werbung macht nur 50 % unserer Einnahmen aus, die andere Hälfte sind Kooperationen”. Gefragt vom Boden der Tatsachen: “Wo ist da der Unterschied?” Die Macher sind immerhin davon überzeugt, dass die “neuen” Serien beweisen, dass das Publikum längst nicht so dumm sind wie es sich das doitsche Fernsehen vorstellt und/oder wünscht. Die Session war unterhaltsam aber leider auch nicht soo gut besucht.

Der Abend begann mit einem Experiment: mylocalscout bot Führungen an. Pfiffige Stadtführer zeigen Dir ihr Festival. Meine Wahl? Natürlich Shawty (rabbit_runz). Sie führte uns von Adi Ulmansky ins ferne Ue&G um dort Rock mit anderen Mitteln zu sehen. Gramatik schnappten sich z. b “After the Rain” (Wendy Rene) und peitschen dort einen schnalzenden 4/4 Beat drunter. Doch als irgendwann “handgemachte” Gitarrensolos vom Keyboard dazukamen und schließlich die berüchtigte Luftgitarre, drängte ich zum Aufbruch.

Friday on my mind

gefahrengebietUnter dem Titel “Gefahrengebiet Klubkultur” diskutierten die Macher von “Gebäude 9”, Gretchen, dem Clubkombinat HH und dem Molotow über die Folgen der Gentrifizierung für die Klubkultur…. halt, halt “An Politik sind wir nicht interessiert” wird da von der Bühne eingeworfen. Und auch Andi vom Molotow sagt jetzt – nach dem (sicher lohnenden) Umzug in die viel größere Ex-China Lounge mit Garten am Nobistor – brav seinen Satz auf: “Ja die Stadt hat gut und schnell reagiert”. Da wird dann ganz schnell vergessen, dass das Ende des originalen Molotow mit der Räumung der ESSO-Häuser zusammengehört und dass die Demos gegen Spekulation und die daraus resultierenden katastrophalen Zustände des ehemaligen Gebäudekomplexes immer auch den Verlust des Clubs thematisierten. Aber jetzt, da ich selbst gerettet bin……

rhonda_ndr-BLUEIn der Prinzenbar treffe ich den Shooting-Star der heimischen Soul-Szene wieder. Vor über einem Jahr bei mir noch mit ihrer zweiten Single in der SOUL STEW-Radio Sendung, ist RHONDA jetzt überall Zuhause: vom Frühstücksfernsehen bis zum Fernsehgarten. Davon muss man nicht begeistert sein, aber davon, wie Milo singt! Wir sind dabei gleichzeitig Live-Publikum der NDR Blue Backstage-Reihe, die live vom Festival sendet. Siri Keil und Ruben Jonas Schnell (beide auch bekannt durch byte.fm) führen gekonnt durch die Sendung, interviewen die Band, spielen Lieblingssongs und schnacken mit Alex Schulz, dem Macher des Reeperbahn-Festivals. Warum gibt es sowas Gutes so selten im NDR?

 Angeregt durch die Tipps von NDR Blue gehen wir in den Nochthafen und hören Slam Poetry. Denn der Raum ist so überfüllt, dass man die drei – männlichen – Akteure nicht sehen kann. Ich kann leider nur das großartige “Rat der Sprache” und “In diesem Raum ist eine Bombe” von Sulaiman Masomi, sowie David Friedrichs Slam über sein Islamwissenschaften-Studium “mitnehmen”. Ich muss in die Kirche – und das als Atheist. meleanie_de_BiascioDort, in der St. Pauli Kirche tritt die Jazz-Sängerin Melanie de Baisio aus Belgien auf, die vor kurzem ihrer mit ihrem (zweiten) Album “No Deal” nicht nur mich verzückte. Doch, wo die Songs in Bandbesetzung ihren Charme entwickelten, ließ mich das Konzert an diesem Ort überraschend kalt. Nur Gitarre und Gesang und alle fünf Songs in derselben Tonart – das war ein bisschen eintönig für meine Ohren. Die wurden dann im Molotow nochmal ein bisschen von Superfood durchgeschüttelt – punkig, poppig, ok. hollieandmeUm Mitternacht dann zu Hollie Cook in “Angie’s Nightclub”. Ja, natürlich bekommt sie erst einmal Aufmerksamkeit als Tochter des Sex Pistols-Drummers Paul Cook. Aber wenn da nicht mehr wäre….. Lovers Rock vom feinsten bringt die Lady und ihre recht junge Band auf die Bühne. Der Gitarrist – bewaffnet mit einer Les Paul, einem Led Zeppelin T-Shirt im Vintage-Look und einem Dutzend Effektgeräten – überzeugt durch zurückhaltendes Spiel. Und der Drummer…. super tight. Doch Hollie bleibt natürlich “Star of the Show”. Sie singt, flirtet, drückt ca. 12 mal die Tasten ihres kleinen Keyboards und schwingt abwechselnd Wasserflasche und Mini-Flachmann. Es war toll. Jetzt habe ich mit Tochter und Vater gesprochen – ob ich das Enkelkind noch kennen lerne? Im Anschluß wurde in der Hasenschaukel noch “gefachsimpelt” – oder wie immer man das am frühen Morgen nennt.

(I just can’t wait for) Saturday

jesper_n-joyAm Sonnabend muß es ruhiger losgehen. Erst zum Freiluft-Showcase von Rhonda auf der N-Joy Reeperbahn-Bühne bin ich wieder am Start. Gleich danach auch wieder Jesper Munk (der in den vier Tagen mindestens fünf Mal auftritt – mal mit, mal ohne Begleitung). Doch auch hier bekomme ich die Coverversion (s.o.) leider nicht mit – wenn er sie überhaupt gespielt hat, denn… ich muss zu Viv Albertine.

Ganz früh beim Londoner Punk dabei, erste Band mit Sid Vicious (bevor der zu den Pistols usw.), dann Gitarristin bei The Slits, der berühmt und berüchtigten Frauen-Punk-Band, dann das Aus, bürgerliches Leben, Mutter, Gebärmutterkrebs, Scheidung, zurück zur Musik.

IMG_5025Darüber hat sie eine Autobiographie geschrieben:  “Clothes Clothes Clothes Music Music Music Boys Boys Boys” aus der sie im Imperial-Theater vorlas bzw. mit Christian Tjarben auf der Bühne plauderte.

Und das so entwaffnend offen und klar, dass die – leider viel viel zu wenigen – Zuschauer mit leuchtenden Augen aus der Venue kamen. Ich konnte mir nicht verkneifen, mich auch kurz aufzudrängen. Ich hoffe, sie kommt bald mal wieder in die Hasenschaukel. In der Zwischenzeit lese ich ihr Buch (kein Affiliate-Link)- und Ihr solltet das auch tun! (Tatsächlich ist es nicht als Musikbuch gedacht, sondern als Lektüre für junge, heranwachsende Mädchen mit ihren Unsicherheiten und Zweifeln.)

pepperpotsDanach konnte einfach nichts mehr kommen. Ein kurzer Sprung zu den Pepper Pots aus Spanien (die jüngst mit den Dap-Tones aufgenommen haben) und ein Abstecher zum DJ Duo Tiger & Woods. Auch die neue Hoffnung von Warner Music, Kwabs, riss mich nicht vom Hocker, zu rockig, zu kalkuliert. Thanks but no thanks.

 

Danke Reeperbahn Festival

presse So einen Brocken ins Rollen zu bringen ist beeindruckend. Alex und seinem Team merkt man die Begeisterung für Musik immer noch an. Ob die Showcases der Majors aus Besuchersicht wirklich nötig sind, kann man diskutieren. Das hat sicher auch mit der Finanzierung des RF zu tun. Hauptsache ist, dass es künftig eben auch Obskures zu entdecken gibt. Welche Kritik ich grundsätzlich an den meisten neuen Interpreten habe, wird nochmal gesondert “rausgeballert”. Dafür können die Veranstalter am wenigsten -auch nicht für die verstärkt “draufspringenden” Eventhäuser links und rechts.

Im nächsten Jahr im September wird es (aller Wahrscheinlichkeit nach) Musiker zu entdecken geben, die jetzt gerade ihr Instrument kaufen – schaut Euch schon mal um. Und – bei Interesse – holt Euch schon mal ein Early Bird-Ticket (kein Affiliate-Link).