– die Brote bei der ZEIT im Schauspielhaus

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Die lange ZEIT – “formerly known as raddatz‘ home” –  lud zur Nacht und die drei Ex-Jungs aus der Hamburger Vorstadt sagten nicht ab. Und eigentlich war es wie immer: Nennt es professionell, nennt es cool, nennt es eingespielt – aber die drei Rapper (plus Beraterteam) wissen einfach, wie man/frau es macht: unterhaltsam, auf den Punkt – eine Prise Arroganz und viel Selbstironie.

Und los gehts: Vom ersten Auftritt in Elmshorn über die Rote Flora bis zur O2-Arena,  warum “Nordisch by Nature” zurückgezogen wurde, über Mädchen im Publikum, “Codes of Coolness” bis zum Vater sein und König Boris’ Soloalbum.

Nur: warum werden auch noch 2014 so unpassende Moderatoren ausgewählt? ZEIT CAMPUS-Chefredakteur S.K.* muss Qualitäten haben, im Bereich Popkultur liegen sie nicht.

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Kein tolles Bild – aber Ihr wisst doch, wie die aussehen.

Also läuft es ab wie ganz früher – auch wenn heute der Moderater nominal jünger ist: er schreibt sich auf seine Kärtchen ein paar Zeilen / Dialoge / Absätze des jüngsten Albums (wahlweise: Films, Buchs) ohne das jeweilige Ding zu kennen (oder gar die Künstler) und versucht das zu einem Thema zu machen.

 

 

In diesem Beispiel:

“Wir brauchen nicht viel
Für die Ideen die wir haben
Nur Dynamit und ein paar Farben”
Und dann stellt er ernsthaft die Frage: “Was ist damit gemeint?” und “Ist das eine Provokation?”

Was hätte der bloß aus Marc Bolans “Children of the Revolution” gemacht – da heißt es “I drive a Rolls Royce – cause it’s good for my voice”. Etwa: “Herr Bolan, wie genau stärkt der Rolls Ihre Stimmbänder?” (Und, Herr K., Marc hatte gar keinen Führerschein!)

Pop ist immer dann am stärksten, wenn es kein verkürztes Lexikon, kein Wikipedia ist und keine Definition hat. Daher bringen solche Interviews nur dann etwas, wenn man anders heran geht als Zeile für Zeile mit der Lupe zu durchforsten – wie etwa einen Koalitionsvertrag – oder leicht verhalten wissenschaftlich zu betrachten. Lautmalerisches oder Marktschreierisches gehören dazu – allerdings nicht die abgehangene Larmoyanz alter Männer wie etwa bei Beckmann, die von der langweiligen Musik ablenken soll/muss  – but i digress.

Und weiter geht’s zu einem Schwerpunkt-Thema der ZEIT: Politik und Gesellschaft. Auch dabei bleibt man aber besser bei oberflächlichem Gekrittel. Verständlich, will man ja in seiner Laufbahn vielleicht mal den Ersten Bürgermeister interviewen, wenn die andere Leitfigur nicht mehr zur Verfügung steht, und da wäre es hinderlich, sich zu weit vorzuwagen.

Vielleicht besser mal nachfragen als Schiffmeister über Politik in der Popmusik (“Gewerkschaftsverhandlungen”) erzählt, wo sie sich wirklich aus dem Fenster lehnen würden, ob das bisschen Zieren der Brote vorm BRAVO-Interview ausreicht, um als “kritischer Künstler” durchzukommen oder welche Rolle Pop oder Hip Hop noch spielt.

Zusammenfassung: Warum muss jemand, der von Beatboxing, Rappen, Tuten und Blasen keine Ahnung hat, durch so eine Veranstaltung führen. Vielleicht sogar: Warum ist so jemand CAMPUS Chefredakteur? Aber da könnte ich auch daneben liegen. Ich fürchte, ich unterschätze weiterhin den Anteil von Helene Fischer-Fans unter Hamburger Studenten.

Wahrscheinlich versendet sich das bald, wenn Akademie-Journalisten auf Akademie-Popstars (“Deutsche Pop”) im Interview treffen – das möchte ich mir dann aber wirklich nicht ansehen oder -hören müssen. Heute Abend haben Schiffmeister, Doc Renz und der König alles getan, damit das Podiumsgespräch trotzdem gefällt.

Anteil daran hat auch ZEIT-Redakteurin Leonie Seifert. Die war lockerer, stellte auch mal Fragen ohne Kärtchen und ich kann mir vorstellen, dass sie Hip Hop in irgendeiner Spielart, in irgendeiner Kaschemme schon mal gehört hat – möglicherweise sich auch schon mal dazu rhythmisch geschüttelt hat.

Das Schütteln kam mir bei Herrn K.* auch in den Sinn. Allerdings leider deutlich anders.

Mein Tipp fürs nächste Mal: schaut doch mal in den Guardian.

Und zum Schluss: Hier das komplette Interview im Video.

 

  • Da es in diesem Blogpost ausdrücklich nicht um eine persönliche Beleidigung geht, sondern – eher – um ein grundsätzliches Problem, muss sein Name hier nicht genannt werden.