Vorwort

Eines gleich vorweg: Ich war kein Fan von Steven Wilson - und werde es auch nicht werden. Doch ich fordere meine Vorurteile auch gern mal heraus. Also habe ich eine Einladung dankbar angenommen und bin zum Mehr! Theater gepilgert.

Intro

Der Ort gehört nicht zu meinen Lieblingsbühnen. Die Bühne scheint mir falsch dimensioniert: zu flach und zu "breit". Das hat mir seinerzeit ein Fat Freddys Drop-Gig fast vermiest. Doch bei Steven Wilson finde ich - in einer komplett bestuhlten Halle - auf der Empore wieder - ca 30 Meter vom Geschehen auf der Bühne. Dafür ist der Blick perfekt. Der pünktliche Start (20 Uhr!) beginnt mit einer Diashow, die auf einen kaum sichtbaren Vorhang vor der eigentlichen Bühne aufgehängt ist. Zusammen mit der Leinwand hinter der Band gibt es zumindest schon mal ein visuelles Spektakel.

Willkommen auf dem Holodeck: Alles so wie früher

Und schon steht er auf der Bühne. Von weiten sieht er ein bisschen aus wie Francis Rossi von Status Quo - inklusive abgewetzter Telecaster. Auch die Band scheint optisch aus einer anderen Zeit gefallen zu sein; Haare, Haare, Haare! Alles Virtuosen, alle sehr nett miteinander. Bei der Vorstellung kurz vor Ende zeigen sie sich alle den Daumen nach oben - niedlich. Irgendwie fallen mir Namen wie Steve Vai, Carmen Appice, Rick Wakeman und Stu Hamm ein. Und so kommt, was kommen muss. Alle (bis auf einen) Songs werden gnadenlos niedergegniedelt. Wer im Jahr 2018 immer noch glaubt, Gitarrensoli seien Gottes Antwort auf alles Böse und "Unechte" in der Welt, lebt seit Jahrzehnten im Winterschlaf - oder auf dem Holodeck.

Der Brite bricht durch

Dabei kann Steven Wilson durchaus Songs schreiben. Es sind keine Klassiker, aber die eine oder andere Melodie ist gelungen. Und dass er als Brite eine Lanze für den Pop bricht und sein Publikum bei "Permanating" zu "Disco Dancing" animiert, ist sehr sympathisch.

Doch für mich ist das eher eine unfreiwillige Geschichtsstunde. Ein bisschen erinnert das an Todd Rundgren, der vor 40 Jahren auf "Faithful" auch schon mal gezeigt hat, dass er den Sound der "alten Meister" wie Brian Wilson studiert hat. Nur: Todd kommt vom Pop! Steven bleibt beim Sound. Und erster schreibt dann eben auch mal einen Klassiker. Steven hingegen flüchtet sich in bedeutungsschwangere Texten und Visuals. Da kommt ständig ein Mann mit Ästen an den Händen ins Bild - ein anderer fällt erschrocken hin. Es gibt auch einen Raben, einer Frau wird mehrmals durch das Auge gezoomt, um sie in einem neuen Setting wieder zu zeigen - und es wimmelt von Zeilen über Sky und Space mit gefilmten Flügen über den Wolken. Dazu wird GE-ROCKT und GE-DRONED mit einer Perfektion, wie es ein halbwegs cooler Musiklehrer machen würde, um die "goldene Zeit" des Rock den Elektro-Kids näher zu bringen.

Sounds für Ewiggestrige

Doch natürlich sind im Mehr! Theater keine Kids, sondern die Eltern oft in King Crimson, Syd Barrett und Pink Floyd-T-Shirts. Und die sind begeistert. Sogar so sehr, dass viele am nächsten Tag zur zweiten Show gehen - keine schlechte Leistung für jemanden, der zumindest in der Hamburger Medienlandschaft ziemlich ignoriert wird. Aber Steven Wilson bleibt ein Anachronismus. Darum gefällt er seinem deutschen Publikum ja auch so gut. Mit ein paar Synthie-Drum-Anklängen - die an die späten Ultravox, Depeche Mode oder Rammstein erinnern, wird auch dieser Sound einfach mit einverleibt.

Für mich ist das eine "Best Of"-Pop-Revue, die alles präsentiert, von dem ich mich seit 40 Jahren bewusst fernhalte. Und es ist ein Musikverständnis, das "wir" Punks damals weggefegt haben (dachten wir). Ob wir damit auch den Weg für stereotype Casting-Shows frei gemacht haben, ist eine Diskussion, die ich gern in anderem Rahmen führen würde. Diese Prog-Rock-Imitation wird damit aber auch nicht gerechtfertigt.

 

P.S. Ich habe sogar eine Platte mit Steven Wilson: Auf einer Re-Issue von "Ladytron" hat er die neuen Stereo-Version abgemischt.