Billy Bragg live in der Fabrik? Das war doch eine der Locations, die früher alles Neue nicht verstehen konnte. Gehört Mr. Bragg mittlerweile vielleicht doch zum harmlosen „linken Kultur-Establishment“ – als Ablösung für Wacker, Wader oder Degenhardt?

Das ist doch zu einfach. Der fast 60-jährige Barde ruht sich nicht auf alten Wahrheiten aus. Natürlich kennen alle die alten „Hits“ auswendig. Mehrmals wird laut mitgesungen. Aber auch die brandneuen Kompositionen – angekündigt mit der klaren Aussage „It’s Time to write angry Songs again“ – wie „King Tide and the Sunny Day Flood“ über die Auswirkungen des Klimawandels in Südflorida oder “The Sleep Of Reason Produces Monsters” – benannt nach einem Gemälde Goyas – treffen den Nerv des Publikums.

Der Barde spricht

Überhaupt spielen seine Ansagen keine untergeordnete Rolle. Er erzählt pointiert von seiner „Train-Tour“ mit Joe Henry, der parallel stattgefundenen Wahl von Donald Trump, dem Entsetzen über das Ergebnis der Brexit-Abstimmung und seiner heutigen Stellung im britischen Pop – mit kleinen Spitzen gegen Morrissey und Bananarama.

Dabei kommt er schon manchmal ins Predigen: für eine linke Labour-Party unter Jeremy Corbyn, für einen Sozialismus, für eine Umkehr der weltweiten politischen Entwicklungen in ein neues Vorwärts. Und alle singen mit, wenn er „There Is Power In A Union“ intoniert. Doch als er diesen Song schrieb, war der große Bergarbeiter-Streik gerade vorbei und die englischen Gewerkschaften meilenweit entfernt vom zahmen DGB hierzulande. Damit begeisterte er heute Abend sicher besonders viele Wähler der Grünen und SPD vor der Bühne, die von einer anderen Führung träumen – während zeitgleich die Sozialdemokratie 300 Kilometer entfernt in Berlin den erneuten Hofknicks vor Königin Merkel übt.

Wer ist der Feind?

Den wirklichen Feind sieht Bragg nicht im Kapitalismus, sondern im Zynismus, dem sich viele fortschrittliche Kräfte hingeben würden. Und viele der wohlgemeinten Verlegenheits-Aktionen, um das eigene schlechte Gewissen zu beruhigen, werden als das genannt, was sie sind – unwirksam:

„Wouldn’t it be wonderful
If we could save the world and allSimply by collecting up
Tin cans and empty bottles
We all want to believe it’s true
But it don’t matter what you do
So long as we continue to
Burn our way through fossils“

“Mixing Pop and Politics he asks me what the use is”

Seine Lösung lautet Solidarität – als Produkt aus Empathie und Aktivität. Die könne man täglich zeigen, während Demokratie ja nur alle vier Jahre stattfinden würde. Als Beispiel singt er über Saffiyah Khan, die bei einer Demonstration der rassistischen „English Defence League“ bei einem Angriff auf eine muslimische Frau eingriff und einen Anführer nur mit Ihrem Lächeln entwaffnete.

 

 

Von Punk zu Country – und wieder zurück

Nach 35 Jahren hat „The Bard of Barking“ mehr auf dem musikalischen Kasten als die Power-Chords der Clash. Wie viele Ex-Punks sind Country und Americana als originäre Musik der Unterschicht ein zusätzlicher Einfluss geworden. Auf den späteren Alben finden sich daher auch Songs von Woody Guthrie.

Für diese Songs hat sich Billy den ausgezeichneten CJ Hillman mit eingepackt, der auf Pedal Steel und Rickenbacker den Sound „andickt“. Bei einem seiner stärksten Songs, der Schilderung von häuslicher Gewalt und die Kraft der Soul-Musik, „Levi Stubbs’ Tears“, werden heute Abend die Bläsersätze durch Steel Guitar-Klänge ersetzt.

Nach seiner neuen Version von Bob Dylans „Times are a-changin’ (again)“ entlässt uns Billy mit seiner Hymne „A New England“. Er singt hier zusätzlich – wie immer – die dritte Strophe für die verstorbenen Kitty MacColl.  Und gibt uns noch mit auf den Weg, dass Musik zwar nicht die Welt ändern kann, aber Energie für das Weiterkämpfen für eine lebenswerte Welt. Dafür war Billy Bragg live in der Fabrik heute Abend der Supercharger.