Idles live im Molotow

Wenn es im POP um Lieder über Mütter geht, dann werden oft die kruden, inzestuösen Zeilen von Jim Morrissons “The End” bemüht. Dass es auch anders geht, bewies dieses Jahr eine Band aus Bristol. Die Idles live in Hamburg – da war nicht Deine übliche Indie-Band zu erwarten.

Ein Song – ein Statement

Mit diesem Song waren sie plötzlich auf dem Radar. Ihr Lied “Mother” klatscht in wenigen Zeilen den Torys ein paar Worte um die Ohren, um dann in einem klaren Statement zur Frauenfeindlichkeit zu münden:

“Sexual violence doesn’t start and end with rape
It starts in our books and behind our school gates
Men are scared women will laugh in their face
Whereas women are scared it’s their lives men will take.”

 

Auslöser war der Tod der Mutter des Sängers, die bei den Aufnahmen zum Debüt-Album “Brutalism” an Krebs starb. Zu diesen Worten ballert das Quintett Salven von krachigen, schneidenden Sounds auf die Zuhörer herab. Das könnte man “Post-Punk” nennen, mit Hinweisen an frühe Joy Division oder Wire – andere bemühen den Anschluss an die Sleaford Mods oder härtere Art Brut – aber das wäre auch nur die halbe Wahrheit. Das konnte man auf der Bühne des vollen Molotow auf dem Hamburger Kiez erfahren.

Spektakel im Molotow

Idles live im MolotowAls erstes kommt Sänger Joe Talbot auf die Bühne. In Weiß gekleidet, tigert er manisch auf der Bühne herum, hämmert mehrmals die Seitenwand und starrt ins Publikum. Erst ein paar Minuten später folgen die vier anderen – ebenfalls in Weiß. Ein paar Worte und schon startet die 70 Minuten-Orgie. Das hier ist kein normales Konzert einer “Indie-Band” (was immer das heute noch bedeuten mag), sondern ein gewaltiges Happening. Dass das heute Abend funktioniert, liegt an den über 80 Prozent Engländern, die “ihre” Band auf dem Kontinent begleiten. Die Lücke vor der Bühne, die viele deutsche Besucher immer erst nach dem dritten Song langsam füllen, war so gleich besetzt. Die Band begrüßte dann auch Ihre Mitgereisten, denn hier fand eigentlich ein kompletter Gig in England statt, verpflanzt auf den Kiez mit ein paar Zaungästen aus Hamburg. Echte Überzeugungsarbeit war nicht nötig. Die irre Show konnte beginnen.

Kurze Ansagen, knappe Texte, viel Wut, viel Krach – das sind die Idles live. Sie sind einer der neuesten Proletarier-Bands auf dem Vereinigten Königreich. Und trotz – oder wegen – Brexit, “New Labour” oder “dem ganzen anderen Scheiß” halten sie nicht resigniert das Maul. Es wird geschimpft, es werden Fäuste gestreckt und das Publikum tanzt dazu Pogo. Also alles wie gehabt? Nicht ganz. Trotz “harten” Gitarren, die zumeist eher Macho-Musikstilen wie “Rock” zugeordnet werden, haben die Idles noch mehr im Köcher. Sie spielen mit Geschlechterrollen, die beiden Gründungsmitglieder Joe Talbot und Bassist Adam Devonshire knutschen schon mal zwischendrin und die Ansage zum nächsten Pogo-Kracher lautet: “This is a song is about a disease, it’s called masculinity” (Samaritans). Das ist ein interessantes Spiel mit Zeichen und Tönen. Während “harte” Musik (früher Heavy Metal, heute Gangster Rap) jungen Kerlen oft das Bild einer allmächtigen Männlichkeit vermittelt, nutzen die IDLES einen ähnlich mächtigen Sound, um inhaltlich genau da gegen anzugehen. 

Idles live im Molotow: Now you know!

Keine leichte Kost

Auch sonst gibt es hier nicht gerade leichte Kost. Die Texte behandeln psychische Probleme (“1049 Gotho), ignorante Rezeption von Kunst (“Stendhal Syndrome”), die drohenden Privatisierung der britischen Krankenversicherung (“Conquer & Divide”) und Privilegien der Oberschicht (“White Privilege”) – nicht gerade Texte, die man bei deutschen Indie-Bands hören kann. Die Tonträger sind dann eingepackt in Hüllen mit Kunstwerken von Freunden.

Dabei macht das Spektakel auch Spaß. Am Ende gibt es das volle Programm: Stagediving (bei der niedrigen Molotow-Decke!), Musiker mit Instrumenten im Publikumsgetümmel – und schließlich: die Übergabe der Geräte an Konzert-Besucher. Und so spielen dann wildfremde Menschen Bass, Gitarre und Schlagzeug auf der Bühne, während die Idles am Merch-Stand T-Shirts und Platten verkaufen. Irgendwie dann doch Punk.

 

Idles – the Band