Das Intro zeigt Conny Plank bei “Field Recordings” in Japan und der erklärt das Motto “The Potential Of Noise”: Der Beginn von Musik seien die Geräusche der Urzeit, die der Mensch als angenehm empfand.

Damit beginnt eine Reise durch das Leben des legendären Musik-Produzenten Conny Plank – erzählt von seinem Sohn. Stephan möchte die verlorenen Jahre durch den viel zu frühen Tod seines Vaters einfangen. Er besucht dafür viele Musiker, die in den Studios im umgebauten Bauernhof aufnahmen. Persönliche Berichte können in viele Fallen tappen; zu idealisierend oder zu anklagend oder zu verloren in Details, die niemanden sonst interessieren. Das vermeidet das Werk von Stephan Plank und Reto Caduff  (“The Visual Language of Herbert Matter”, “Charlie Haden – Rambling Boy”, “A Crude Awakening – The Oil Crash”) völlig. Die sehr angenehme Stimme des Erzählers sorgt für einen warmherzigen aber nicht kitschigen Ton. Und es wird bisweilen persönlich, wenn Holger Czukay oder Annette Humpe vor der Kamera den Vater dafür kritisieren, dass er für Stephan eigentlich nur recht wenig Zeit hatte. Die Arbeit ging vor.

Ein Road-Movie der anderen Musikgeschichte?

Kern des Films ist natürlich die Reise durch die Welt, um die Musiker zu besuchen, die im umgebauten Bauernhof aufgenommen haben. Die Liste ist bekannt: von frühen Kraftwerk – die sich offensichtlich als Einzige weigerten, hier mitzuwirken – über NEU!, Cluster, Michael Rother und Moebius bis hin zu den Scorpions, DAF, Devo, Ultravox(!), den Humpe Schwestern, Killing Joke, Underworld (Freur) und den Eurythmics (auch schon als The Tourists). Schöne Formulierung zu der musikalischen Entwicklung: “Hippies, die Computer umarmten”. Und so fährt Stephan von Köln und Düsseldorf über London nach Atlanta und Akron.

Das Gegenüberstellen von persönlichen Aufnahmen aus den 70er und 80ern auf dem Bauernhof mit den angehenden Stars und der aktuellen Interviewsituation mit dem erwachsenen Sohn führt dann auch zu sehr emotionalen Szenen. Einer der vielen Höhepunkte: der Auftritt von Whodini. Das Rap-Duo aus der Frühphase wird überraschend persönlich und erzählt vom Kulturshock: Brooklyn – Wolperath. Dabei fließen sogar Tränen. Dies ist der einzige Beitrag mit schwarzen Musikern – und das, obwohl Conny Plank wohl ein großer Prince-Fan gewesen sein soll.

 

Warten auf den “Director’s Cut”

Am Ende fehlen doch noch viele mögliche Gesprächspartner. Brian Eno hatte keine Zeit, aber dafür taucht Gott-sei-dank auch nicht Heinz Rudolf Kunze auf, der dort seinen einzigen Hit aufnahm. Ob A Flock Of Seagulls etwas Interessantes hätten beitragen können?

Es wird eher wenige ansprechen, dass Annette und Inga Humpe bereits mit den Neonbabies dort aktiv waren, dass DAF noch zu fünft mit “Die Kleinen und die Bösen” im Studio weilten oder dass nicht – wie im Film angedeutet – Midge Ure “seine” Ultravox mit “Vienna” zu Conny Plank brachte. Die waren mit dem Originalsänger John Foxx bereits vorher dort bekannt. Heutzutage muss man offensichtlich die ganz großen erfolgreichen Dinge in den Vordergrund rücken. CP selbst soll die Zusammenarbeit mit Musikern davon abhängig gemacht haben, ob diese aus eigenem Antrieb musizieren und experimentieren “mussten”.

“Conny Plank – The Potential Of Noise” ist eine gelungene Doku über den “Phil Spector des Krautrocks” und zeigt eindrücklich, wie wichtig die Köpfe im Hintergrund für den künstlerischen und kommerziellen Erfolg von neuen Sounds waren. Nicht zu verwechseln mit heutigen Produzenten- und DJ-Hypes, die eher an die 1950er und frühen 1960er andocken, als Musiker nur die Front-Marionetten waren.

Vorführung im Metropolis mit Gästen

Dave Stewart

Dave Stewart von den Eurythmics war bei der Aufführung im Hamburger Metropolis-Kino zugegen, um ein, zwei Anekdoten zum Besten zu geben und auf den Film einzustimmen. Das war eigentlich gar nicht nötig, da der Streifen selbst ausgezeichnete Pointen hatte. Es gab Szenenapplaus, als Conny Plank mit regungslosem Gesicht erzählt, warum er Bono und U2 abgelehnt hat: “Ich wusste nicht, wie man hier Bewusstsein schaffen konnte” (in etwa). Die Absage an Bowie (die im Film selbst nicht erzählt wird) soll mit seinem harten Drogenkonsum zu tun haben.

Am Ende standen die Produzenten und Regisseure auf der Bühne und stellten sich den Fragen des Publikums. Ein rundum gelunger Auftakt des diesjährigen 11.Unerhöhrt-Musikfilmfestivals. Der Film läuft ab Ende September in den Kinos.

Mehr zum Lesen:

Website Conny Plank
Conny Planks Studio – Blogbeitrag von Claus Moser
“Sehr viel Produktionsarbeit fand am Küchentisch statt” – Interview mit Stephan Plank – Deutschlandfunk
Whodini’s Escape – Interview u.a. über das Arbeiten mit Conny Plank

Pop aus der Fabrikhalle – Spiegel
Underworld’s Karl Hyde on Conny Plank – Red Bull Music Acadamy
Gründer Stephan Plank hat einen Film über seinen berühmten Vater gemacht – Gruenderszene