„Please allow me to introduce myself I’m a man of wealth and taste“ Keine Frage, in Mick Jagger steckt der Teufel – zumindest was Energie und Überzeugung anbelangt  Er will auch noch in 20 Jahren auf der Bühne mit seinen kleinen Hüpfern hin und her rennen und seine Songs dem Publikum andienen. Doch das wird er künftig wohl mit anderen Mitstreitern machen müssen: Zumindest einer schien schon diesmal deutlich deplatziert. Nun waren sie also da: Die Rolling Stones in Hamburg.

Die Rolling Stones in Hamburg. Warten auf die ZungeMit DEM Stones-Klassiker ein Set zu beginnen, setzt schon mal ein Ausrufezeichen. „Sympathy For The Devil“ ist einer der stärksten Stones Songs ihrer gesamten Karriere. Doch nachdem der Rhythmus rollt und die ersten Strophen gesungen, kommt die Zeit des traditionellen Gitarrensolos. Und da wundert man sich zum ersten Mal: Wer steht da eigentlich auf der Bühne? Mick kann seinen Text, Charlie hält den Rhythmus und Ronnie „Holz“ Wood sorgt dafür, dass der Riff weiter und weiter getrieben wird – doch was machen Keith? Spielen wir eine Flasche leer! Der war mit sich allein auf einer ganz anderen Welt. Er stand halb gebückt und spielte…. irgendein Stones-Solo – aber nicht zu diesem Song.

Die Rolling Stones in Hamburg: "Wish I could be like Charlie Watts"Womit löst man den besten Song ab? Mit einem der Schlechtesten: „It’s Only Rock’n’Roll“ war meine erste eigene Stones-Single Anfang der Siebziger und das Publikum liebt dieses Lied immer noch. Doch diese blödsinnige Entschuldigung im Text mit einem der langweiligsten Stones Riffs aus Regal B macht deutlich: Das hier ist Erinnerungskultur. Der Soundtrack für den rebellischen Jungen, der reuevoll zurückgeht, um doch lieber Karriere zu machen.

„Moin Hamburg – Guten Abend Deutschland“

Mick Jagger hat seine Vokabeln gelernt. Später begrüßt er auch die angereisten Fans aus Berlin, Bremen und Pinneberg(!). Der Sänger ist Profi durch und durch. Seine Ansagen sind launig und wohl dosiert: So hätten sie von Freunden aus Liverpool gehört, Hamburg sei ein guter Platz, um eine Weltkarriere zu starten. Das versteht das Publikum. Wieder wird die Zeit der 60er beschworen und natürlich die Hamburger Obsession bedient, es wäre noch eine Musikstadt und hätte schließlich die Beatles erfunden.

Die Rolling Stones in Hamburg: Das habe ich nicht geträumt.

Die Rolling Stones in Hamburg: Vater und Sohn vereint.

Und so gibt es denn auch viele Klassiker aus der Zeit: „Street Fighting Man“, „Play With Fire“ und „You can’t always get what you want“. Und gerade bei diesem Song wird besonders laut mitgesungen. Hier sitzen Vater und Sohn gemeinsam zum  Soundtrack der rebellischen Jugend des Erzeugers, der jetzt vielleicht einen langweiligen Bürojob hat. Und sich hier etwaige Zweifel weg singen kann: Denn du bekommst nicht immer was du willst – aber vielleicht, was du verdienst. Den Stones kann man wahrscheinlich dafür keine Vorwürfe machen. Sie variieren ihr Programm mit Songs aus dem neuen Cover-Album, lassen das Publikum im Vorfeld abstimmen und wählen unbekannt Songs aus – auch wenn „Dancing with Mr. D“ weiterhin kein Klassiker ist.

Solo Auftritt Keith

Die Rolling Stones in Hamburg: Endlose Weiten vor der Bühne.

Die Rolling Stones in Hamburg: Endlose Weiten vor der Bühne.

Dann darf der andere Glimmer Twin alleine ran. Er trägt ein Shirt mit der Aufschrift: „Straight outta Dartford“.  Und sein erster Song passt dann zur nostalgischen Verfassung:
„Guess it’s just another dream, That’s slipping away.
Each time I fall asleep It seems I’m just drifting away“
(„Slipping Away“ aus dem Album „Steel Wheels“ von 1989)

Weder Stimme noch Gitarrenspiel waren genießbar. Aber die Tour hieß „No Filter“ – also wurde auch nichts vom Mixer „unter den Teppich gekehrt“. Das war mutig.

Alte Rocker retten sich mit Disco

Höhepunkt des Abends war dann ausgerechnet der Song, der den Stones damals beinahe Fans gekostet hat: „Miss You“. Die Disco-Nummer galt als Ausverkauf. Rock und Disco waren sich spinnefeind. Die weißen gehemmten Jungs wollten mit den geschmeidigen Bewegungen der Schwulen, Schwarzen und Hispanics nichts zu tun haben. Der Aufstand wurde damals glücklicherweise schnell niedergeschlagen. Und heute schildern viele Bücher (no affiliate), wie reaktionär die begleitende „Disco Sucks“ Aktion wirklich war. Aber für Mick war das sicher damals kein Problem. Er war ja regelmäßiger Gast in der Schickimicki-Disco „Studio 54“. „Miss You“ klingt heute überzeugender denn je und hat vielleicht bei dem einen oder anderen Pärchen für ein bisschen mehr Hüftschwung nicht nur auf dem Tanzboden geführt.

Die Rolling Stones in Hamburg: Endlose Weiten vor der Bühne: Mick kann noch weiter.Auch bei diesem Song gibt es Momente, bei dem der Eindruck entsteht: Die Band spielt gar nicht wirklich miteinander. Allerdings funktionieren die Breaks dann doch. Keith weiß immerhin noch, wann er nicht zu spielen hat. Das jeweilige Ende eines Hits ist allerdings manchmal zerfasert. Während die Instrumente der Begleitmusiker – die heute Abend viel dazu beitragen, dass die Songs funktionieren – verklungen sind, dudelt ein Stone noch vier, fünf Töne. Und bei der 15 Minuten-Version von „Midnight Rambler“ wechseln sehr „tighte“ Momente mit Übungsraum-Soli ab. Nach knapp 2 Stunden beendet „Satisfaction“ das offizielle Konzert; hey, hey, hey.

Zum Gelingen des Spektakels trägt ganz entschieden die Inszenierung und Dramaturgie der Videoleinwand bei. Hier wird für jeden Song ein eigenes visuellen Bild entworfen. Mal schwarz-weiß, mal in Day-Glo-Farbe, mal Flächen und Logos. Bei „Gimme Shelter“, der ersten Zugabe, werden die Steine auch mal politisch – zumindest, was die Visuals angeht. Da werden Demonstrationsbilder mit Plakaten eingeblendet, auf denen „Black Lives Matter“, Rechte für LGBT und Migranten gefordert wird. Das wird kein Zufall sein.

Rolling Stones in Hamburg – das Finale

Ein scheinbar nicht enden wollendes „Jumping Jack Flash“ ist schließlich das Finale. Nach einer Verbeugung in großer Runde laufen die vier älteren Herren noch einmal nach vorn. Ein  Feuerwerk sorgt für die letzten Sounds und Bilder. Auf der Videoleinwand steht rot auf blauem Grund „Bis bald“. Damit verabschieden sich die Stones von Hamburg – wahrscheinlich endgültig.

Die Rolling Stones in Hamburg: Haben Sie noch Geld dabei?

Für den Autor war es das größte Konzert, dass er je sehen wird. Und ohne Einladung wäre er auch nicht hingegangen, 82.000 Besucher (das entspricht in etwa Worms) füllten dicht gedrängt die Stadtparkwiese. Und die sind grundsätzlich nicht daran interessiert, ob es hier etwas zu entdecken oder bemäkeln gibt. Hier galt „Gib Gas – ich will Spaß“ – bei halbem Tempo. Die Motivation ist verständlich: Die Ticketpreise waren seit Wochen Gesprächsstoff in der Stadt. Und wer auf einer der hinteren Tribunen saß, für den war Mick Jagger auf der Videoleinwand in etwa so groß, wie das Plektrum eines Singer-Songwriters in der Pooca-Bar auf dem Hamburger Berg. Wer 400 Euro zahlt, der muss das dann auch gut finden.

Und das war ja nur der Eintritt. Da dies hier ein Once-In-A-Lifetime-Ding war, braucht man natürlich auch ein Souvenir. Das nötige Kleingeld sicherte ein Tour-T-Shirt ab 25 Euro. Wer bescheidener sein wollte, gab einfach seinen bedruckten Trinkbecher nicht zurück, der kostete nur 3 Euro Pfand: Was vom Spektakel übrig blieb.

„Die größte Rockband der Welt“ Really?

Zur Klarstellung: Musikalisch oder gar kulturell bedeutsam sind die Stones längst nicht mehr. Und ein solches Riesenkonzert ist eher eine Aktion des Stadtmarketings denn ein Rockkonzert. Diese Ausrichtung ist leider auch bei vielen anderen Kritiken abzulesen. So urteilt zum Beispiel der NDR: „100 % Satisfaction: Stones begeistern Hamburg“ und „Altersschwäche? Keine Spur!“. Die Mopo titel: „Mega-Konzert im Stadtpark Rolling Stones – Satisfaction für 82000 Fans“  und auch der Spiegel singt lauthals mit: „Irgendjemand hier aus Pinneberg?„. Das Abendblatt lässt sich sogar zur albernen These: „Rolling Stones schreiben in Hamburg Musikgeschichte“ hinreißen. Diese Artikel lesen sich so, als ob sie eigentlich als Native Advertising gekennzeichnet sein müssten. Und es entbehrt natürlich keiner Ironie, dass diese „bürgerlichen“ Medien die gleichen Songs noch vor 40 Jahren als Unrat aus ihren Kulturseiten verbannten. Das, was die Stones einst unterscheidbar vom Mainstream machte, leisten heute andere, sehr viel kleinere Akteure. Und die nutzen eher selten das Blues-Schema und Stromgitarren.

Hier besteht sogar die Gefahr des Katze-frisst-eigenen-Schwanz: Das Abendblatt fordert im Anschluss noch mehr „Kulturelle Großereignisse„. Dabei wird aktuelle, herausfordernde Musik, Kunst, Literatur, Film etc. fast immer von Kleinen gemacht (so wie die Stones einst auch anfingen). Und DAFÜR gibt es in Hamburg eben genau immer weniger Platz und Unterstützung. Mehr Großevents würden das noch verschärfen.

Die Auseinandersetzung mit anderer Popmusik wird in anderen Texten auch hier auf orgienpost.de geführt. Bei dieser Eventkritik geht es explizit um das Kernthema.

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