Chefboss Dockville 2018 Es war mein siebtes Dockville. Ich ahnte also, was auf mich zukommt. Und doch gab es kleinere Überraschungen bei der inoffiziellen Forschung über junge Kulturteilnahme 😉

It’s a Gesamtkunstwerk, Baby

Wenigstens im Ertrinken lassen Weltmeister! Dockville 2018Wer nur für die Musik kommt, schränkt sich selbst ein. Das weitläufige Gelände bietet viele Nischen, Ecken und Treffpunkte. Die Veranstaltungen im Vorfeld wie Spektrum, Vogelball oder Lüttville bilden die Ouvertüre für die vier Tage Programm.  Die Sammlung von Installationen der Artville(s) der letzten Jahre erheben das Dockville auch 2018 aus dem Festival-Durchschnitt. Klar ist das in erster Linie “Street Art” – aber nicht so gefällig, wie vieles sonst unter diesem “Genre”. Angenehm auch: Es gibt wenig Alkohol-Leichen während des Festivals selbst – wenn auch Will Coles offensichtlich geschützt werden musste. Und in den Zelten geht es wahrscheinlich anders zu – denn während die Getränkepreise auf dem Gelände wirklich teuer sind, wird sich beim Camping selbst versorgt.

Dockville 2018 Dockville 2018 Freedom FightersWill Cole - Concrete Sculptures 2018
Dockville 2018 UNFreedom FightersConcrete Sculptures

 

Will ColeNewspeak / Neusprech
Marshal Arts

Freitag: Get Fresh at the Weekend

Beim Start verpasst: Nilüfer Yanya. Darauf hatte ich mich gefreut, aber Nilüfer stand einfach zu früh auf dem Stundeplan – schade. So bleibt mir nur die Erinnerung an ihren Auftritt beim Reeperbahn Festival und im Mojo Cafe.

Also sind es Chef Boss, die mich am Vorschott musikalisch willkommen heißen. Mit Tänzerinnern, Tänzern und viele Energie – und gar nicht so radikal, wie ich sie mir vorgestellt habe. Weiter zum Butterland. Dockville The Soft MoonDort sehen und klingen The Soft Moon wie eine Reinkarnation der späten SPK: Ernstes Trommeln, das wilder aussieht, als es tönt. Unterhaltsam als Post-Punk-Übersetzung ins neue Jahrtausend – aber nicht so eindrucksvoll, als dass ich auf Bandcamp die Platten ordern muss.

Das Hauptschott verstört mich immer wegen das komischen Formates: Die Bühne ist gefühlt 30 Meter hoch. Jede Band sieht da automatisch aus, wie ein Konfirmand in seinem auf Zuwachs gekauften Anzug. Mir waren Cigarettes After Sex wegen des zufällig gehörten “Nothings Gonna Hurt You Baby” im Gedächtnis geblieben. Und der Kontrast von schwarz-gekleidetem Hard-Rock-Outfit zu Indie-Pop mit Falsett-Stimme-Sound gefällt mir sehr. Doch eine dieser verschwurbelten Beschreibungen in der Dockville-App verspricht ansonsten eine Mischung aus The Smiths und Ambient. Aber die Schmitzens hatten durchaus Uptempo-Songs, während CAS von Stück zu Stück langsamer werden. Schöner Anfang aber irgendwann leider laaaaaangweilig. Schade.

Dockville 2018 SuperorganismAlso weiter zu Superorganism. Das klingt schon mal top (Tipp an alle Nachwuchskünstler: Ohne coolen Namen läuft gar nichts. Aber wenn ihr Euch dahinter verstecken wollt, fangt gar nicht erst an, danke). Und die Show ist unterhaltsam, poppig und zu schnell vorbei. Selbst weit hinten kann man die eigene Begeisterung der Band spüren. Und dann funktioniert auch ein Konzept, dass auf dem Papier wie Internet meets Electroclash aussieht.

Zum Abschluss des Tages: Trettmann. Auch hier eine Überraschung: längst nicht so abgespaced wie Yung Hurn im letzten Jahr. Eher Seeed für die nächste Generation: Durchaus mitreißend aber nicht so überragend, dass man zum echten Fan mutiert. Nun ja, zur anvisierten Zielgruppe gehöre ich ja eher nicht.

Zum Schluss ein kurzer Blick in das Tentakel-Zelt (geddit?) zu “Brittney One More Time”. Das Ergebnis: Ein gut gelaunter Abschied, nachdem einhundert Teenies “One Way Or Another” von Blondie lauthals mitsingen. Ist das jetzt etwa das ganz große New Wave-Revival? Eher nicht: “Das haben One Direction gecovert”, informiert mich das Party-Volk. Wenn ich die Augen schließe, befinde ich mich auf einer Zeitreise und lande mitten auf einer Klassenfete.

Sonnabend: It’s A New Day..

Diesmal eröffnen die Yellow Days meinen Festival-Tag. Auf diesem Blog darf ich alles sagen, also:

Dockville 2018 AB Syndrom…denn tatsächlich fehlt mir hier die wesentliche musikalische Eigenständigket. Ach ja liebe Plattenfirmen, eine Bitte: Nur weil die Stimme sich (und uns) quält, hat sie noch nicht automatisch “Soul”. Drüben im Butterland versprechen AB Syndrom elektronische Tanzmusik mit deutschen Texten. Überraschung: Das kann funktionieren! Der Song “FFM” (doofer Spotify Link) bleibt sofort hängen und wäre ein richtiger Hit – wenn wir hier im Norden einen ordentlichen Radiosender hätten, nich’ Herr Marmor?

Dockville 2018 ErobiqueNun zum Pflichttermin: Unser allerliebster Carsten, verzaubert Hunderte auf dem Vorschott mit dem bekannten Rezept: ein DJ-Set auf Tasten. Komplett mit charmantem Gesang und House-Hooklines auf dem Piano – lovely. Nach “Heart Of Glass” und dem “Urlaub in Italien” gibt es den aufklärerischen Küchenspruch von Erobiques Mutter als Zugabe:

Fünf sind geladen, zehn sind gekommen. Schütt’ Wasser in die Suppe, heiß’ alle willkommen.

Dockville 2018 Yungblud

Boing – Boing – Splash. Yungblud hüpft wie ein katapultierter Flummi über Bühne, Lautsprecher und Absperrungen. Gut das es Letztere im Butterland gibt – beim Konzert im Häkken vor ein paar Jahren hatte ich ständig Angst, meine Zähne an seine Gitarre zu verlieren. Musikalisch ist er ungezügelt, roh und hat tatsächlich die Punk-Verbindung, die er bemüht. Nur Hip-Hop höre ich da nicht raus. Und im Vergleich zur Konkurrenz an diesem Wochenende, ist seine Rotzigkeit erfrischend zu den sonst eher lieblichen Auftritten anderer Musiker.

Dann eine Enttäuschung, als Chet Faker war er klasse; Die richtige Mischung aus Soul und modernem elektronischem Songwriting. Jetzt, Dockville 2018 Leyyaunter dem neuem Namen Nick Murphy, fängt er auch das Jaulen an. Ein weiteres Talent verloren an die bösen Mächte? Aus dem neuen Pop-Wunderland Österreich (ahem) kommen Leyya mit Front-Frau im klassischen Band-mit-Sängerin-Format. Ist auf eigene Art charmant mit wenig eigenen Kanten.

Princess Nokia ist noch nicht kommerziell kartografiert. Aber sie verlässt sich sehr auf den aktuell angesagten HipHop-Flow – und der ist leider eindimensional und vorhersehbar. Liegt diese Variationsarmut nun an den Produz- oder Konsum-Dockville 2018 Zhuenten? Während Alt-J für mich ein bisschen lustlos wirken, bedient Zhu ein tanzhungriges Publikum nahezu anonym von der Bühne aus. Auch hier wird die Eigenständigkeit oft aus obskuren Behauptungen abgeleitet: Das musikalische Klima sei gegenwärtig zu sehr schwarz und weiß getrennt, lässt der Künstler verlautbaren. Wer daraus besondere Ansprüche ableitet, hätte früher ins Bett gehen sollen. Aber es gibt schmucke Stofftücher in der ersten Reihe für die übergreifende Vermummung – und ein multicoloured Logo auf LED als Bühnenshow.

Diesmal geht es als Abschluss zur Depri Disco. Da wird mitgereisten Eltern die eigene Jugend vorgespielt – inklusive Textsicherheit ihrer Jüngsten. Von den tollen Human League zur unsäglichen Bonnie Taylor bin ich hin und her gerissen von der Kenntnis unserer Nachfahren. Haben die eigentlich keine eigenen Hits mehr? Zeitreise revisited.

Sonntag: …it’s A New Dawn…

Dockville 2018 Sam FenderJung, niedlich, Sam Fender. Scheint in England ein Geheimtipp zu sein. Könnte was werden, wenn er irgendwann den Killersong schreibt. Ansonsten: hohe sensible Männerstimme mit süßem Haarschnitt. Die Hinds hatte ich im Januar 2016 im Molotow abends gesehen. Und dort hat das spanische Quartett mit Charme, Shilly Shally und Pop richtig Spaß gemacht. Nachmittags auf der Vorschott-Bühne mit Dockville 2018 Hindsgleichen Zutaten plus Kindertanzeinlage wirkte das etwas deplatziert. Passt vielleicht doch besser zum nächsten “A Summer’s Tale”-Festival?

Schön wieder die Österreicher: Mavi Phoenix hat den Schmäh in der Sprechstimme und der Erscheinung – aber nicht in den Songtexten – und die sind dann noch in Englisch. Der nächste Song sei über Liebe und passe zu der Regenbogenfahne im Publikum – und dann sind es die oft gehörten Zeilen a Dockville 2018 Mavi Phoenixlá “Love The One You’re With”. Ist das heute wirklich schon genug? Musikalisch gibt es Trap-Beats und R&B mit Auto-Tune-Ästhetik. Und damit ist sie in der Musikwelt nun wirklich nicht einzigartig – trotz einiger guter Melodien. Es scheint das Ziel junger Talente zu sein, am eigenen Rechner solange zu basteln, bis man exakt so klingt, wie die Vorbilder. Das Prinzip der Casting-Show scheint internalisiert. Zeitschleife ad nauseam.

Bei Swiss & die Andern bin ich natürlich gespannt; politischer “Punk Rock” und so. Wer das mit den echten britischen Anfängen in Verbindung bringt, reibt sich verwundert die Augen. Auch das Prinzip “wilder Tabubruch” ist längst kein Garant mehr für Originalität (oder gar gesellschaftlichem Anspruch). Das ist Hau – sorry – Hard Rock mit männlichen Posen Dockville 2018 Weshley Armsim 187-Style. Und auch wenn das sicher gut gemeint ist, gerade dieser klischeehaften Stance ist doch (auch) Teil des politischen Problems.

Welshly Arms gehen dann ganz weit zurück. Schwerer Heavy Blues-Rock mit Südstaaten-Touch und schwarzen Begleitsängern. Das ist der Hit gleichzeitig Titel des Programms “Legendary” – der Sound vom einfachen “ehrlichen” Landleben revisited – mit aktuellem biodegradable Retro-Lack 

Dockville 2018 George Fitzgerald

überzogen.  Was auf Platte noch den rauhen Jack White-Touch hat, klingt Live schon nach Lynyrd Skynyrd. Dagegen folgt George Fitzgerald dem aktuellen Band-Modell: Produzent drückt Tasten im Hintergrund, Gäste singen vorn. Das ist am Sonntagabend unterhaltsam, aber der Unterschied zu ähnlichen Projekten wie Disclosure oder Mura Musa beträgt nur Nuancen.

Zum Abschluss die Quasi-Homecoming-Show “unseres” Exil-Berliners Olli Schulz. Seit seinem Auftritt bei einem Bernd Begemann-Konzert im Knust, bei dem beide großartigen Freestyle-Rap boten (i kid you not), habe ich ihn irgendwie doch lieb – obwohl er musikalisch auch eher ein Mucker ist – und das ist nun wirklich keine Auszeichnung. Aber als Entertainer ist er top. Sein (gespielter?) etwas naiver Blick auf die Welt kann zwar nerven, doch dafür ist er recht Schlag- und Wurffertig. Als ein aufgeblasener grüner Dino eines Werbepartners im Publikum wandert, wirft er weitere Tiere hinzu und lässt sich liegend auf einem Hummer über die Köpfe tragen. Großes Kino zum Abschied.  

Ein Fazit nach 33787 Schritten

Es ist nett auf dem Dockville 2018 – manchmal sogar zu sehr. Außer Yungblud ist niemand mal ein kleines bisschen wütend – das große Kuscheln bleibt angesagt. Man schätzt die Gemeinsamkeiten – gegen die menschenfeindliche Flüchtlingspolitik, für Gender Politics, gegen AFD und Rassismus – ohne beweisen zu müssen, wie belastbar diese Einstellungen sind. Denn viele sind ebenso intensiv damit beschäftigt, sich bzw. die Freunde vor der Kamera in Stellung zu bringen. Die Anzahl von Instagram-Fotos vom Dockville könnten in diesem Jahr leicht ein paar Zehntausende sein. Das reicht von einfachen Schnappschüssen über kunstfertig drapierte Mode-Szenen hin zum klassischen Motiv: Ich-und-die-Band-im-Hintergrund. Und doch macht es Spaß zwischen DJ-Sets, Albernheiten, Installationen, der Easy-Kisi-Fläche und den Bühnen hin und her zu ziehen. Und ab und zu gibt es sogar richtige Höhepunkte. Beim Dockville 2018 war es die Bekanntschaft mit Jakobus, der nicht nur die Gemälde auf den bzw. um die Bühnen fertigt und live vor Ort malt, sondern selbst Musiker ist – von Ja, König Ja und den formidablen Die Vögel. Und wenn er am Ende glücklich ist, dass Nena und Olli Scholz Gemälde von ihm erwerben, dann bin ich es auch. Solange ich bei der Gesichtskontrolle noch durchgehe, gehe ich wieder hin.