Gorillaz live: Video, Musik, Magie

Ehrlich gesagt, bei großen Events und Konzerten bin ich zunächst immer skeptisch: Warum muss man viel Geld zahlen, damit man sich „seinen“ Star „in echt“ bewegen sehen kann – in Fingerhutgröße! Nur um dabei gewesen zu sein?

Trifft sich gut, dass ich nur auf wenige Interpreten stehe, die in einer Liga spielen oberhalb der 30 Euro pro Ticket. Bisher größte Ausnahme: Madonna in Frankfurt während der „Who’s That Girl“ Tour – jetzt also Gorillaz live.

Auf nach Berlin!

Jetzt also nach Berlin, zu den Gorillaz. Damon Albarn und Jamie Hewitts Alter Ego-Truppe, bisher versteckt hinter Comic-Figuren (die es in Japan auch als Gummipuppen gibt). Und dieses Seitenprojekt gibt es mittlerweile auch schon über 10 Jahre (1970 vertrat man noch die Auffassung, dass nur gaaaanz groooße Gruppen so lange zusammenbleiben würden -> gemeint waren damals natürlich immer die Beatles – hierzulande immer noch als Maß aller Dinge verklärt) Das erste Lebenszeichen war die großartige „Clint Eastwood“-Single, die – im Ed Case Remix – 2000 auch einer der Hymnen des Notting Hill Carnivals war – but i digress…

Nun also zum ersten Mal live in Deutschland mit dem dritten Album im Gepäck für 59 Euro (netto). Warum ich mir das Ticket geholt habe, kann ich heute nicht mehr genau nachvollziehen; weil es cool war?, die Videos so toll sind?, Damon und Jamie fast so alt sind wie ich?, mir Blur immer besser als Oasis gefallen haben?, Herr Albarn mit alten Helden umtriebig ist („Good Bad and the Queen“)? Irgendwie wohl alles zusammen.

Ein erster Blick

Der Blick ins Velodrom

Ein Konzert in einer neu erbauten Radsporthalle scheint die richtige Location; kein Bauwerk sondern ein Konstrukt – so wie das Spektakel heute Abend. Und doch wurde einem alles andere als kalt. Das Licht war noch nicht erloschen, da sprang Maseo auf die Bühne und begrüßte uns lautstark. Der DJ von De La Soul legte (wie nennt man eigentlich die Tätigkeit bei digitalem Deck?) Funk und Soul auf: James Brown, Cymande, „Tighten Up“ usw. … (Ende der sachlichen Darstellung).

Damit war ich angestöpselt: Adrenalin sofort im roten Bereich und P-A-A-R-T-Y. Noch sah’ das die Mehrzahl der Besucher leicht anders; der Innenraum war knapp zur Hälfte gefüllt und die Versorgung mit Bier hatte noch Priorität über die Versorgung mit Beats….

Little Dragon

Ready Steady Go!

Der enthusiastische, nahtlose Übergang zu „Little Dragon“ machte deutlich: Die kennen sich alle, die haben sich lieb, die sehen sich als Teil des Ganzen – maaan, dass es so was noch gibt! Das schwedische Quartett war live deutlich aggressiver als auf Tonträger – vor allem Drummer Erik Bodin peitschte die Band nach vorn. Verstärkt durch allerlei Effekte, die seine Schläge verfremdeten, verstärkten und verdrehten. Von richtigen Songs konnte man allerdings an diesem Abend nicht sprechen, zu dominant waren Drums und der übersteuerte Bass. Aber Hi-Fi Klang hat beim Pop im Konzertsaal sowieso eher eine untergeordnete Bedeutung (dann hört doch Dolby 5.1. und bleibt zu Hause, anstatt Euch im Spiegel-Forum zu beschweren – Langweiler!)

Maseo von De La Soul

Ruhiger wurde es danach allerdings auch nicht mehr: De La Soul knallten uns erst mal einen vor den Latz mit Hip Hop wie er einmal war: druckvoll, aggressiv ohne die ewig-gleichen Klischees und ohne Bling Bling. Die Drei brauchen niemanden mehr etwas zu beweisen, daher brachten sie erst einmal die Songs von den unbekannteren Alben „Stakes is High“ (1996) und „The Grind Date“ (2004) unters Volk, bevor sie dann doch ihr Hitfeuerwerk zündeten: „Ring Ring“ „Saturday“ und „Me, Myself & I“. Zur Verstärkung auch noch kurz dabei: MF Doom. Was war hier los? Was sollte da noch kommen?

Das Finale: Gorillaz live

Kurze Umbaupause und dann kamen sie, die Monsterprimaten – gleich 26 Stück auf einmal. Im Intro begrüßte uns Snoop – leider nur auf Leinwand aber der ist ja auch nicht soo wichtig – begleitet von den Musikern auf der Bühne: Streicher, Backingsänger unter der Leitung von Wayne Hernandez, ehemals im London Community Gospel Choir, Mick Jones und Paul Simonon von The Clash, das Hypnotic Brass Ensemble aus Chicago.

Als dann – neben De La und Little Dragon – noch Neneh Cherry und – oh mein Gott! – Bobby Womack auf der Bühne standen, da wusste ich: Hier findet gerade in aller Öffentlichkeit mein persönliches Popkultur-Klassentreffen statt, dass sonst nur in meinem kleinen Hirn gefeiert wird. Dass das Syrian National Orchestra for Arabic Music (nein, habe ich mir nicht gemerkt, ich musste mir ein Mitbringsel kaufen – das Tourheft) auch meinen musikalischen Horizont kurzzeitig erweiterte, war noch ein weiteres kleines Sahnehäubchen.

Eindrucksvolles Beispiel: „Clint Eastwood“ live in Berlin ©Christine Enterlein

 

Für ein paar Stunden schien alles richtig: Damon drängelte sich nicht in den Vordergrund, die Clash hatten endlich auch mal ein großes Publikum im Bildungsbürger-Deutschland, Maseo und Paul sangen zusammen ins gleiche Mikro, Bobby Womack erwärmte meine Seele, die Band war t-i-g-h-t. Als ob die Welt der Casting-Shows, Stefan Raabs und Thomas Gottschalks auf einem anderen Planeten existierte.

Ein großer Abend, eins der besten Konzerte in meinem bisherigen bescheidenen Dasein mit perfekter Mischung aus Liebgewonnenem, Erwartetem und Neuem. Danke!

Ursprünglich erschienen am: 27.11.10 12:14 auf http://soul-stew.myblog.de/