Soweit ist es also gekommen: Wir (49erPlus) betrachten unsere Menschwerdung in kleinen Setzkästen. Aufgepiekst und für wichtig befunden. Während in England gerade die große Touristen-Attraktion “40 Jahre Punk” kuratiert wird – mit einer kleinen, trotzigen – und sicher auch kalkulierten – Protestaktion des Sprosses von Malcolm und Vivienne, schickt hierzulande das Goethe-Institut die “Genialen Dilletanten” durch die Welt. Wenn jetzt noch der selige Reich-Ranicki seinen Segen gegeben hätte, könnte sich die ganze Chose auch sogar mal verkaufen…. but i digress.

Im Umfeld der Stippvisite der genannten Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe tauchen auch wieder alte Macher auf. So z.B. Alfred Hilsberg, der für das Metropolis-Kino einen bunten Abend mit Videoschnipseln zusammenstellte und Rotraut Pape, die ihren Ruhm offensichtlich der Mitarbeit am Infermental, dem ersten Kunstmagazin auf Videocassette verdankt, zumindest konnte sie den Titel in jeden Satz einbauen. Eingeleitet wurde das Programm mit dem “Bonmot”, Alfred Hilsberg hätte mehr für Hamburg getan als so mancher Bürgermeister. Das ist natürlich in vielerlei Lesart falsch: für wessen Hamburg was?

Altes Programm vor altem Publikum

Im Publikum viel Grauhaariges, Bebrilltes mit chronischen Sorgenfalten. Und natürlich “wir” – vier(!) ehemalige Fanzine-Macher in einer Reihe – smells like teen spirit!? Haha!

Um es gleich klar zu stellen: Es ging hier nicht um Hamburger Punk, der wenig eigenständigen deutschen Hau-Ruck-Variante von Coroners, Razors, Buttocks, Razors und Big Balls – sondern um….. irgendwas anderes, das sich die anarchistische Energie ausgeliehen hatte.

Der Abend startete mit Sounds des ewigen Tüftlers Andy Giorbino der, zusammen mit Katrin Aichinger (Kastrierte Philosophen), immer noch so klang wie Anfang der Achtziger. Unsere Zeitmaschine war nach der Overtüre endgültig angekommen. Die folgenden fast 20 Filmchen zeigten dann erste Gehversuche späterer Professoren – wie Mike Hentz (Minus Delta T) oder Co-Gastgeberin Pape, die mit “Rotron” den Film “Tron” in sieben Minuten nacherzählen wollte. Das Ergebnis war eher unterdurchschnittlich: Frau im Gymnastikanzug spricht auf Helium Filmzitate und wälzt sich im alten Krankenhausbett – tada!

 

Gestern “Underground” – heute Karriere

Prominenteste Figuren in den bewegten Bildern: Diedrich Diederichsen, der z.B. in der Rolle des Redaktionsmessie seinen Arbeitsplatz bei der Zeitschrift “SOUNDS” vorstellte – am letzten Arbeitstag natürlich 512MpMQ4tjL._SX377_BO1,204,203,200_(Dezember 1982?) – und sich schon damals – wenn auch noch etwas spitzbübisch – offensichtlich gern im Mittelpunkt sah, sowie Reinhold Götz, der mit DD bei der Veranstaltung “Jazz und Lyrik” Prosa zu Daddelmusik zum Besten gab. (Die heutigen Veranstalter entschuldigten sich vielmals für die Qualität der Aufnahmen: “leider nur VHS, nur VHS” – dafür hätten sie dann wirklich weniger Eintritt nehmen müssen 😉 ). Auch dabei natürlich die Markus und Albert Oehlen-Brüder – erster in einem Videoclip (s.u.), letzterer in einer Talkshow mit dem Statement: “Das Atelier muss immer zu klein sein, damit der Künstler in seinen Bildern Raum schaffen kann” (oder so ähnlich). 

Oliver Hirschbiegel

Oliver Hirschbiegel

Genannt wurde auch Oliver Hirschbiegel – mit Rotraut damals in der Künstlergruppe ,„M.Raskin Stichting Ens.“ und heute Filmregisseur (“Der Untergang”, “Das Experiment”) sowie Tim Renner, der als ehemals eifriger Subkultur-Schüler und Hilsberg-Jünger (siehe auch sein Cassetten-Fanzine “Festival der guten Taten” mit vielen ZickZack-Künstlern) nach Universal-Music-Karriere nun dem Berliner Kultursenat vorsteht. Er war allerdings nur hinter der Kamera: Auszüge gab es aus “Für eine Handvoll D-Mark”, einem Videoprojekt für und mit Hamburger Musikern und Künstlern: Thi-To, Abwärts Markus Oehlen etc.

Ob Alfred Hilsberg mit den Abfindungsmillionen Tim Renners noch viel spannendere Projekte hätte starten können, kann nicht mit absoluter Sicherheit bejaht werden. (Tim könnte seinem alten Helden allerdings helfen die Schulden (“sechsstellig“) abzubauen). Dafür war die Auswahl zu klein und der Ansatz zu traditionell. Viele waren in alter Kunstbedeutung verhaftet und vertrauten häufig zu sehr auf die neuen technischen Möglichkeiten (Cut-Ups, Reverse Mode, etc.). Sie waren halt die ersten, die diese Geräte – dank der Institution Kunsthochschule – nutzen konnten – sonst hätten es womöglich andere getan. 

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Die Egozentrischen Zwei mit Felix Kubin (vorn).

Ähnliches gilt ja auch für erste, relativ krude Beispiele des Samples in der Musik. Natürlich kam da ab und zu auch Lustiges heraus – so Holger Hillers “Ein Hoch auf das Bügeln” von dem großartigen “Ein Bündel Fäulnis in der Grube”. 

Wenn man sich selbst zum Ritter schlagen möchte, sieht das doch recht komisch aus. Welche Legitimation gibt es, außer dass viele der vorgestellten Macher (Oehlen-Brüder, Büttner, Pape, Diederichsen, Renner, Hiller) später andernorts Karriere gemacht haben? Und Legendenbildung war offensichtlich auch das Ziel dieser Veranstaltung. Beim Rausgehen fragte das Fernsehen, wie es denn war. Meine Antwort “unterhaltsam, albern, alt” schien die Interviewerin zu irritieren. Ob ich dann etwas von damals erzählen möchte? “Nein”. (NDR-Beitrag nicht mehr in Mediathek)

Würde man diese “Aufbruchsstimmung” (Hilsberg im NDR) ernst nehmen, wäre eine Verknüpfung mit dem Hier und Jetzt vonnöten – nicht der Versuch einer verklärten Rückblende – “just like it ever was”. Vielleicht verabschiedete sich auch daher Felix Kubin unmittelbar nach Ende des letzten Videos – auf dem er als 13jähriger bei den “Egozentrischen Zwei” zu sehen ist. Fragen wollte er offensichtlich nicht beantworten.

Lesart 2:

Vielleicht steckt dahinter auch ein dialektischer Kniff: Junge Leute könnten durch diese Präsentation endlich wieder auf die Idee kommen, die alte Szene vom Tisch zu fegen. “Kick over the Statues” (ach ja, noch ‘n alter Song).