unten2Schon Wochen vorher ging ein Geraune durch musikalische Kreise in der Stadt. Subjekt war das zweite Konzert der Savages in Hamburg – diesmal im Knust. Post-Punk! Schwarzgekleidet! Frauen-Band! – es war, als wäre man wieder in der zweiten Hälfte der 1980er, als mit diesen Kennzeichnungen bereits auch um “normales” Publikum geworben wurde. Nun leben wir ein paar Monde später – und das ist das Dilemma.

Bo Ningen Knust Hamburg, 9. März 2016 - orgienpost.de

Bo Ningen Knust Hamburg, 9. März 2016 – orgienpost.de

Die Vorband aus Japan – Bo Ningen – brach erstmal vorhandene nostalgische Gemütlichkeit auf. Herangezogene Begriffe wie  “Acid Punk”, Art-Rock oder Noise bieten auch keine Rettungsinseln. Denn es wurde laut und heftig was die vier langhaarigen Musiker dort lieferten. Testspiel.de lies sich sogar zum Begriff “Chaos” hinreissen. Nun ja, die sind ja auch noch jung. Nach dem Fast-Instrument-Zertrümmern überließen sie die Bühne den befreundeten “Wilden”. 

Die große Post-Punk-Revue: Savages live

Dass die Savages aus London kommen, hat mich zunächst überrascht, das wirkte schon immer so wenig verspielt, reflektiv oder doppelbödig wie man es sonst von Newcomern von der Insel kennt. Das ist eher gewollter und kalkulierter – als kämen sie aus New York. Das so offensiv zur Schau getragene Schwarz zeigte in die gleiche Richtung. Aber: ich lag vollkommen falsch (naja, die Sängerin kommt aus Frankreich). 

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Savages, Knust Hamburg, 9. März 2016

Die große Post-Punk-Revue startete dann auch mit Wucht und Kraft – und Sängerin Jehnny Beth hat sicher mehr als zwei, drei Siouxsie-Singles zuhause stehen. So schepperte es 18 Songs lang durch beide Alben mithilfe von tighten Rhythmen von Ayşe Hassan (Bass) und Fay Milton (Drums) – sehr toll bei “T.I.W.Y.G.” – plus Gitarristin Gemma Thompson und ihre ca. 13 Effektgeräte. Jehnny bewegte sich dazu wie nach dem erfolgreichen Abschluss der Scooter-School-Of-Stage-Moves-Academy zwischen Ausdruckstanz und Schlangenbeschwörung. Das wäre sicher überzeugender gewesen, wenn sie zwischen den düsteren, aggressiven Songs nicht immer so nette Ansagen gemacht hätte. Sowas hätte Siouxsie nie gemacht! Und ich bin auch zu alt dafür, Songzeilen wie “Don’t let the Fuckers get you down” (klaro – was sonst?) richtig ernst nehmen zu können. Natürlich haben die vier “ihre” Hausaufgaben gemacht, covern Suicide, Sort Sol, Lydia Lunch usw. Und das sichert Ihnen auch die Begeisterung der o.g. Szene – doch die hat zum großen Teil schon recht schütteres Haar und nickt nur noch zornig mit dem Kopf – nix Pogo. Ja, es ist eine andere Generation auf der Bühne und natürlich dürfen sie auch alles neu ausprobieren. Wenn sich das allerdings so sehr nach Andrew Lloyd-Webber anhört wie hier, bekomme ich ein bisschen Angst – but i digress, denn an diesem Abend war das Gottseidank nicht so.

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Reifes Publikum bei den Savages – orgienpost.de

So bleibt ein etwas schaler Geschmack zurück, denn trotz Power, Spielfreude und was man noch als quantitative Beweise auf eine Quartettkarte schreiben würde – so richtige SONGS sind da nicht wirklich bei gewesen. Eben nur SOUND – und der lässt sich durch Fleiß einstudieren. Darum wurde ich nicht vollständig mitgenommen; 83 per cent of a real thing.