Jonathan Bree live auf der StubnitzEs ist heiß in Hamburg: über 25 Grad an einem lauen Sommerabend um 21 Uhr. Auf dem Oberdeck der MS Stubnitz – festgetäut am äußersten Ende des Vorzeige-Stadtteils Hafen City – tummelt sich ein recht unterschiedlich zurechtgemachtes Publikum: Hippies, Styler, junge Frauen, ältere Männer wollen Jonathan Bree zu sehen.

Um in den tiefgelegten Bauch des ehemaligen Kühlschiffes zur Bühne zu gehen, ist eigentlich noch viel zu warm. Doch dann locken uns die betörenden Melodien von Burt Bacharach und die Weisheiten von Hal David hinunter….

Jonathan Bree is so cool 

Auf der Bühne stehen zwei Frauen und drei Männer, alle mit weißer, undurchsichtiger Maske. Die Männer in dunklen Hosen und dunkelgrünen Hemden mit Stehkragen, die Tänzerinnen in weiß mit Haube und Kniestrümpfen – fast wie ein Update von American Gothic. Alle Kabel zu Kopfhörern und Mikrofonen sind ebenfalls weiß, letztere selbst in dunkler Holzoptik.

Jonathan Bree BandNeben Drums und Bass auf der Bühne kommen weitere Klänge vom Band: Gitarre, Streicher, Keyboards. Das sind die Instrumente, die Jonathan Bree im Studio selbst eingespielt hat. Er selbst steht zentral – passend zum Veranstaltungsort – mit einer Matrosenmütze auf dem Haupt und dem Schriftzug „Marine“.

Der konzeptionelle Auftritt in Optik, Bewegung und Dramaturgie sorgt Aufmerksamkeit, dem raren Gut der Ökonomie. Doch liegt darin gleichzeitig die Gefahr, dass die Musik zum Beiwerk wird. Etwas, das man beim Bandleader und seinen Mitstreitern nicht befürchten muss. Das Spiel mit bekannten Formen des Songwritings findet – ganz nonchalant – auf einer höheren Ebene statt. Als Referenzen werden oft  Helden des 60s Pop genannt: Brian Wilson, Lee Hazlewood, Serge Gainsbourg und – darüber hinaus – Nick Cave.

Keine Retro-Veranstaltung

Jonathan Bree und Princess Chelsea

Nancy & Lee?

Das ist alles nicht falsch. So klingen die Duette mit Princess Chelsea (live) oder Clara Viñals (Studio) nicht weit weg von Nancy & Lee. Den sparsam eingesetzten lakonischen Bariton Jonathans darf man auch in die Nähe von Serge oder Cave setzen – aber dabei wird zu sehr auf das Abgehangene, Unangreifbare gesetzt. Mit dieser Perspektive wird ausschließlich auf eine leblose Ahnengalerie für Musiknerds gesetzt. Doch das springt zu kurz.

Denn in Arrangements und Texten ist Jonathan ein Erzähler im Hier und Jetzt. Es geht um Selfies und Emojis, um die Bedeutung von Attraktivität im Neoliberalismus und die Beziehung als Projekt um gemeinsam irgendwie doch noch durchzukommen.

„The roller disco has closed down 
The setting where you first made out
In the bleaches way up the back
To the sounds of transvision vamp“

Und dabei erinnert mich Jonathan Bree an den anderen großen Pop-Bariton 18.000 km weiter nordwestlich: Philip Oakey. Beide eint das Zurückgenommene, Zaunkönighafte, Erfahrene. Beide hatten schon erfolgreichere Tage und wissen, dass die Verheißungen von Pop nicht von Dauer sind. Und damit ist er auch nicht weit weg von den belgischen Warhaus.

Jonathan Bree Gitarrensolo

Erwachsener Pop – nicht nur für Erwachsene

Auf der Bühne wird das Konzert als Schul-Theaterstück inszeniert. Kleine Tanzeinlagen, ein bisschen Pantomime (am besten: Wenn Sängerin Chelsea oder der Bassist eine imaginäre Zigarette rauchen), Gitarrensoli auf Badminton-Rackets, während im Hintergrund Aerobic-Videos in Zeitlupe laufen. Es könnte auch eine Abschiedstour eines abgehalfterten Popstars darstellen.

Doch Jonathan Bree wird weitermachen – und das ist gut für uns. Denn das Album „Sleepwalking“ funktioniert auch ohne Bühnenkonzept. Manchmal quälend langsam mit absteigenden Melodien, entfaltet sich die Schönheit der Songs erst nach mehrmaligem Hören. Etwas, das den Zuschauern am heutigen Abend nicht erklärt werden muss. Einige kannten schon alle Texte – die anderen kauften im Anschluss das Album zum Lernen.