Das Publikum war beseelt. Nach zwei Stunden applaudieren die Zuschauer mit Standing Ovations und das Leuchten in den Augen hätte ausgereicht, um die Konzerthalle zu illuminieren: Nils Frahm in der Elbphilharmonie.

Der Bühne gehört dem Entertainer

In einem Halbkreis, der durch Lichtspots definiert wurde, spielt der Virtuose auf elf Keyboards, einem Flügel, einer angesteuerten Orgel hinter der Bühne, mehreren Sequenzern und weiteren elektronischen Tonerzeugern. Die Instrumente sind wie eine “3” angeordnet. Der Wechsel zwischen beiden “Bögen” während eines Werkes, sowie das blitzende Stroboskop-Licht sorgen für Dynamik auf der Bühne. Seine Ansagen umarmen das Publikum geschickt. So erinnere ihn die Elphilharmonie an seinen ersten Proberaum – der wäre nur nicht so hoch gewesen. Im weiteren Verlauf erzählt er über eine Daumenverletzung beim Messerschärfen (er kann kochen!) und disst Instrumenten wie die Pan- und Piccolo-Flöte. Musikalisch wechselt sein Ausdruck von Tangerine Dream zu Rachmaninow – mit einer Prise Sven Väth. 

Positive Thinking-Pop für Akademiker

Die Besucher des Konzerts waren nicht nur überdurchschnittlich jung für die Elbphi, sondern wirkten auch überdurchschnittlich gebildet. Vielleicht, weil die Mischung aus langsamen Akkordfolgen, die hierzulande von Hörern gern mit Substanz aufgeladen werden, Klavierromantik, die einfach nur schön sein will und Techno-Rhythmen, die nahtlos in Clubsounds  passen, anspruchsvolle Musik vortäuschen, der man sich in seinen Kreisen nicht schämen muss. Das zusätzliche Aufladen mit dem Begriff “Klassik” soll den edlen Eindruck noch verstärken. (Das sonst oft gern benutzte Label “Jazz” passt hier nicht, denn Frahm spielt keine Synkopen oder Blue Notes). Tatsächlich gibt er eher virtuose Fingerübungen auf der Basis von gewöhnlichen Dreiklängen. Die Geschwindigkeit macht daraus dann für viele etwas Besonderes. Vorsprung durch Technik – again and again.

Dabei scherzt er selbst offen über sein einfaches Schema: “Zunächst spiele ich 5 Minuten nur C-Dur, dazu ein paar Töne darüber, bevor ich plötzlich zu f-moll und noch ein paar weiteren Akkorden wechsele. Dann mache ich es immer lauter und die Hörer glauben, dass da noch etwas passiert”. Und am Ende kommen schließlich die berühmten Klobürsten auf dem Flügel zum Einsatz – ohne Gefahrengebiet-Referenz. Denn hier soll es lieb zu gehen. Nils Frahm macht Musik für das “Positive Thinking” der gebildeten Kaste. So wie Mike Oldfield vor 40 Jahren.

Wo ist ein Kontrapunkt?

An diesem Abend gehen alle Seiten glücklich nach Hause. Der Künstler, weil er charmant und erfolgreich durch den Abend führte, und das Publikum, weil es nicht herausgefordert wurde und trotzdem glaubt, einen einzigartigen Musikgeschmack fernab vom Radio-Gedudel zu haben. Was seinem Sound gut tun würde, wäre ein Gegenspieler. Jemand, der die dann doch recht harmonischen Tonreigen mit spannenderen Harmonien und Rhythmen aufbricht. Jemand, der den großspurigen Songtiteln wie “Human Range” oder “Fundamental Values” wirklich etwas Substanz einhaucht. Oder er gehört am Ende zu der Art Musiker, die ein “neuer Punk” wegfegen muss, um Pop* wieder Relevanz zu verschaffen. So wie Mike Oldfield vor 40 Jahren.

*) make no mistake: Nils Frahm ist natürlich Pop – alles andere ist nur Etikettenschwindel.