Er kann Soul, erwachsenen Pop und Library-Sounds. Doch diesmal ist er wegen etwas anderem hier: Shawn Lee goes rural. Auf seinem ersten offiziellem Solo-Album kehrt der Exil-Londoner zurück nach Kansas.

Gestartet 1996 in der letzten Phase des Talking Loud Labels, hat Shawn Lee mittlerweile eine beachtliche Anzahl von Veröffentlichungen im Gepäck. Dabei scheint ihm schnurzpiepegal, welcher Schublade andere ihm zuordnen. Shawn ist einfach ein hervorragender Handwerker mit Gespür für Arrangements und Harmonien. Und so fällt es ihm offensichtlich leicht, Soul Klassiker zu covern, Sängerin mit japanischen Wurzeln zu begleiten oder mit seinem Mitstreiter Andy Platts als Young Gun Silver Fox, dem weichen, intellektuellen Pop von Steely Dan nachzueifern. Vielleicht so vielseitig wie ein jüngerer Bruder Todd Rundgrens?

Kansas City Summer

Heute Abend geht es aber um Biografisches. Ein Blick zurück auf Wichita in Kansas mit weiter Landschaft und enger Moral. Dort, wo schon früh der Wunsch nach anderen Orten geboren wurde; erst nach LA, schließlich London. Eingeladen wurden wir zum Live-Debut des zweiten Solo-Albums "Free Ride" in die Katakombe des Nochtspeichers, der Nochtwache. Ein intimer Ort, der dem Sound und den Songs einen passenden Rahmen für die "Freifahrt" gab. 

Und so gehen 50 Personen eng um die niedrige Bühne auf Tuchfühlung. Und dem Star des Abends gefällt das recht gut. Launig erzählt er von Haarfarben in Songtiteln sowie Jugenderinnerungen, so z. B. die Besonderheit von Kansas City, die zur Hälfte im anderen Bundesstaat Missouri steht und dadurch anderen Gesetzen gehorcht: "Während auf der Kansas-Seite kein Alkohol am Sonntag ausgeschenkt wurde, mussten wir nur die Straße überqueren, um das zu lösen" oder die Gedanken an das aufregende "Joyland", das heute eine Geisterstätte ist. Die Begleitmusiker sind Subjekt von Späßen, die diese allerdings auch nicht unbeantwortet lassen. 

Mr. Maestro

Heute Abend spielt die Band die Songs  größtenteils in der Reihenfolge des Albums, allerdings mit mehr Wumms. Die Maestro Rhythm King Machine, die wir von Sly & The Family Stones "Family Affair" kennen, wird heute Abend durch den Young Gun Silver Fox-Kumpanen Ade Meehan an den Drums deutlich verstärkt. Und David Antony Page am "schwersten Bass der Welt" pumpt ebenfalls prominente Akzente unter die Kompositionen. Den Country-Flavour der Studio-Aufnahme steuert Joe Hervey Whyte an der Pedal Steel Guitar bei, der selbst immer noch beseelt davon ist, ein Gerät von 1974 spielen zu können. Das Line-up komplett macht Carwyn Ellis aus Wales am Keyboard - mit dem man eine "W(h)ale of a time" haben könnte - aua!

Wherever The Wind Blows

In der Kombination wird aus dem charmanten, eher zurückhaltenden, Album doch ein Programm, das das Publikum in Bewegung bringt. Als Zugabe singt Shawn Lee - passenderweise - einen "der besten Songs, die je geschrieben wurden", Jimmy Webbs "Wichita Lineman", in einer fast schon rockigen Version. Letztere sollte dann auch in den folgenden Tagen im Yeah Yeah Studio für eine spätere Veröffentlichung eingefangen werden. 

Shawn Lee in der Nochtwache: Insgesamt ein größeres Wohnzimmer-Konzert von einem musikalischen Wizzard, der bestimmt schon wieder drei weitere Asse für sechs andere Spiele im Ärmel hat. Wie gesagt, ein weisser Mann auf Freifahrt. Da steige ich gern weiterhin ein.