Wie wär’s? Ein Abend mit Jools Holland, Neil Tennant begleitet von den Buzzcocks, ein etwas nervender Morrissey mit seinen Söhnen dazu zeitversetzte Dinosaur Jr, eine Melange aus den Shop Assistants und Spacemen 3 – und am Ende spielen The Jam ihr Album „All Mod Cons“. So feierte Tapete Records im Knust.1)

Gottseidank Nicht In England

In einem kultivierteren Land würden Musikliebhaber eine Hypothek auf ihr Häuschen aufnehmen, um bei diesem Festival dabei zu sein. In Hamburg bedurfte es am 10. November nur den Verzicht auf den Kauf einer weiteren Schallplatte, um bei der Geburtstagssause von Tapete Records dabei zu sein. Allerdings zahlen wir im Alltag den Preis für dieses kulturelle Sonderangebot – aber dazu später.

Das War Vor Jahren

Jaguwar

Jaguwar

Vor 15 Jahren gründete Gunther Buskies mit Dirk Darmstaedter das Label mit dem Namen des Wandschmucks. Beide waren vorher bei Universal Music unter Vertrag – wollten aber den Umzug nach Berlin nicht mitmachen. Also Neustart in der Hansestadt. Schon damals waren in diesem Business keine Millionen zu erwarten. Aber einer musste es ja machen. Mittlerweile zählt Discogs 426 Einträge unter dem Label. Das ist Grund genug zu feiern. Und das nicht nur in der norddeutschen Provinz, sondern auch in London Mitte November. Aber das Kapitel schreibt jemand anderes….

Jaguwar aus Dresden eröffneten den Reigen und überraschten auf der Bühne durch weniger Pop und mehr Krach. Versprach die Single-Auskopplung „Crystal“ kurzweilige Melodien, präsentierte die Bühne langwellige Haare und erinnerte mehr an Spacemen 3. Aber was soll man auch machen, wenn man 20 Effektgeräte zur Verfügung hat? Und: Haarwuchs! Mit einem recht poppigen letzten Song entließ uns Bassistin Oyemi Hessou charmant aus ihrem Orbit.

Bernd Begemann tapete records im Knust

Bernd Begemann und Ben Schadow

Auf der kleinen Bühne vor der Bar trafen wir den alten Bekannten Ben Schadow – begleitet von Tausendsassa Bernd Begemann – oder war es anders herum? Und dann wurde ausgepackt: von „Fernsehen mit Deiner Schwester“ bis „Unten am Hafen“. Eng gedrängt und laut gesungen – das Publikum war auf Betriebstemperatur. In einer Parallelwelt führt Begemann durch das Abendprogramm im Fernsehen und präsentiert Perlen der Musik. Jaja ich weiß: “Wir sind hier nicht in ….., Martin.”

Apokalypse

Zu Christian Kjellvander und Ove kann ich nichts Gewinnbringendes beitragen. Klassische Singer-Songwriter erreichen zwar mein Ohr aber selten mein Herz und rausgewachsene Schülerbands sind mir augenscheinlich zu jung. Heim dagegen machen gutes Marketing: aus drei unterschiedlichen Richtungen tönte es: “die klingen wie Dinosaur Jr.”

Heim

Heim

Hier wurde nicht Kontakt mit dem Publikum gesucht, sondern der große, einsame Weltschmerz zelebriert. Und es schien eine Strategie des Abends erkennbar: Die neue Generation spielt im großen Saal. Oder, um die letzte Band mit einzubeziehen, lange Haare = große Bühne.

Das sind Geschichten

Dafür zurück zur kleinen Bühne: DIE Liga (angemessene Kurzform für Carsten Friedrichs Mannen der außergewöhnlichen Gentlemen) begleiten „Andreas – Fucking – Dorau“ (Zitat Begemann). Biff Bang Pow – jetzt geht’s los. „So beeinflussbar“ von 1994 bekam durch die Begleitband einen kräftigen Tritt in den Hintern. Das klang nach PUNK und FUNK. Und „Liebe kaputt“ vom neuen Album wird endlich zur verlorenen Buzzcocks-Single, die es schon immer war. Bitte Tapete, wir wollen eine Maxi-Single mit diesem Scheiß!

Andreas Dorau tapete records im Knust

Andreas Dorau und Carsten Friedrich

Auch Tele gehören zu den „etablierten“ Künstlern des Labels. Nach einem Ausflug zum Major kehrt man in den Schoß der Kolchose zurück. Das ist gut und gefällig – mit Hut.

Noch eine Pop-Legende erklimmt die kurzen Bretter der Welt mit ganz großer Geste. Timo Blunck (ich kaufe ein “c” – korrigiert) von Zimmermänner– und Schaumburg-Fame . Unterstützung erhält er durch seine neue Band, die „Jungen Spritzer“. Nicht nur dieser Name ist etwas bemüht. Auch Songtitel des kommenden Albums (Arbeitstitel: „Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern??“) wie „Nutten und Koks“ sind heute nur noch doof. Aber auch wenn man kein großer Fan ist; Der Mann kann was – nicht nur hübsche Söhne zeugen (die ihn mit schönem Chorgesang begleiteten). Die letzten Zimmermänner-Platten und Produktionen für The Monochrome Set und Fehlfarben waren top. Und der „zärtlichste Psychopath der Welt“ macht dann insgesamt doch Lust auf mehr.

Timo Blunk tapete records im Knust

Timo Blunk und die jungen Spritzer

Speaking of which – da sind sie wieder! Die ewige beste Band des Landes in Wartestellung: Die Fehlfarben. Im Gepäck das erste Album – von vorn bis hinten. Das muss man nicht erklären. Entsprechend singt die Hälfte des Publikums jede Zeile mit. Einige Neo-Hippies versuchen sich am Pogo und Alt Punks wischen sich Tränen aus den Augenwinkeln.

Paul Ist Tot (doch Freispiel drin)

Tapete Records im Knust feierte an diesem Abend sich selbst und seine Bands. Dabei wird schon deutlich, dass hier musikalisch bewusst nicht an aktuelle Sounds angedockt wird. Elektronische Musik findet im Katalog (mit dem angeschlossenen Bureau B) eher im Rückblick statt – z.B. Roedelius. R&B oder Hip Hop findet man hier ebenfalls nicht. Tapete steht eher für die Fortschreibung aus Songwriting, Punk/Mod, Pop und gitarrenbasiertem Sound, der heute oft fälschlicherweise als „Indie“ bezeichnet wird. Das Geheimnis liegt in der Mischung aus Geschmack und Verzicht auf schalem Kalkül und plattem Pathos. Revolutionen werden hier nicht veröffentlicht. Der Glaube daran aber schon.

Grauschleier über der Stadt

Was bleibt? Es war ein toller Abend mit bitterem Nachgeschmack: Warum sind diese echten Popstars eigentlich keine wirklichen Popstars? Warum ist so ein Festival so günstig? Warum finden Dorau, Begemann, DIE Liga etc. nicht im Hamburger Radio statt? An fehlenden Hits kann es nicht liegen. Für sechs Stunden war der Grauschleier im Knust zumindest weggewaschen.

1)… im übertragenen Sinne.

Setlist: tapete Records im Knust

Setlist des Abends

Fehlfarben: tapete Records im Knust

Schwebel und Hein

Tele: tapete Records im Knust

Tele auf der Bühne

Dorau und PMA tapete Records im Knust

Dorau und PMA

Effektgeräte bei tapete Records im Knust

Effektgeräte

Setlist Dorau bei tapete Records im Knust

Setlist Dorau

Peter Hein bei tapete Records im Knust

Peter Hein