Logo_Reeperbahn_Festival_2013_klein-150x145Es war das zweite Reeperbahn Festival für mich; fast vier Tage vollgepackt mit Musik, Social Media, Panels und Ausstellungen. Die Veranstalter des Reeperbahn Festival 2013 listeten 300 Konzerten und weitere 200 Events. Das kann niemand schaffen.

Viele verbringen die Tage vorher mit dem Anhören unzähliger YouTube-Videos, um sich so gewappnet einen Fahrplan durch den Dschungel des Angebots zu schlagen. Ich schaffe das nicht. Es fehlt nicht nur die Zeit, sondern ich genieße auch das Umherwandern, das Ausprobieren, die Überraschung… und damit natürlich auch die Enttäuschung.

Mittwoch, 25. September

Rock’n’Roll mit der Kamera

Mein Auftakt war die Vernissage zu Stefan Malzkorns Rock’n’Roll-Fotoausstellung im Nochtspeicher. 20 Jahre segelt der ehemalige Seefahrer zwischen Hamburgs Bühnen – jeder hat ihn bestimmt schon mal gesehen; von kräftiger Statur, mit kräftigem Tele vor der Kamera. Und die Ergebnisse sind gelungen.

marlzkorn superpunk reeperbahn+festival+2013+Mi

Mir gefallen vor allem die Aufnahmen fernab von den Brettern und den Rockposen: Ferris MC im Gewächshaus, ein junger Jan Delay im Übungsraum und das großartige Bild von Superpunk im Kellerklo an der Stresemannstrasse. Dafür habe ich gern die offizielle Eröffnungsparty sausen lassen (jaja, ich hatte ein rosa Bändchen).

reeperbahn-festival-2013-mi

Höhepunkt dann der Auftritt der verloren gegangen Tigerbeat, die sich nur hierfür zusammengerauft haben. Sänger Frehn Hawel behauptete, sie hätten sechs Wochen lang drei mal geprobt, um die alten Songs wieder zu beherrschen. Das hat geklappt!

 

Donnerstag, 26. September

Kunst

Sinnvoll die Mittagspause verbringen – fernab von Fast-Food, Kantine oder Mensa und dafür den Kopf füttern? Dafür gab es beim Reeperbahn Campus eine ganze Reihe spannende Veranstaltungen – organisiert von Sanja Stankovic (fb) (https://www.digitalmediawomen.de) .  Ich war bei Régine Debatty, bekannt von Ihrem Blog „We make money not art“ . Unter dem Titel: „Hidden in plain sight“  stellte sie Kunst-Projekte vor – z.B. das Soldier Billboard Projekt von Suzanne Opton. Die Fotografin portraitierte dabei amerikanische Soldaten, die gerade für ein Training aus Afghanistan zurückgekehrt waren. Beinahe versteckt aufgenommen, zeigt sie Gesichter fernab von heroischem Tam Tam. Als Opton diese Bilder dann auf großen Werbetafeln mit dem Schriftzug „Soldier“ aufstellte, reagierten Politiker und Armee verstört. Für eine Konferenz der Republikaner mussten diese Plakate verhüllt werden.

opton8-web

Trevor Paglen dokumentiert Geheimoperationen der amerikanischen Regierung und des Geheimdienstes: www.paglen.comBenjamin Gaulon nutzt sein Hacker-Wissen: Für das 2.64 Ghz Projekt zapft er drahtlose Überwachungskameras an und zeigt die Bilder auf kleinen Monitoren, die er an öffentlichen Plätzen Fußwegen installiert . Addie Wagenknecht kommt aus New York und verteilte in Wien Brillen mit schwarzen Balken, um die kaum noch mögliche Anonymität vor den installierten Kameras im Stadtgebiet zu thematisieren. Und beim „Street With A View Projekt inszenieren die Anwohner des Sampsonia Way in Pittsburgh ausgefallene Strassenszenen immer dann, wenn der Kamera-Wagen von Google vorbeifährt, um neue Aufnahmen für Google Street View zu schießen.

debatty2Alles interessante Wege mit neuen technischen Möglichkeiten Kunst zu „machen“, die sich auch in gesellschaftliche Wahrnehmung einmischt.

Musikmanagement: Pubcrawl mit Hochkarätern

Weder Kunst noch Musik bot dann am frühen Abend der Pubcrawl mit dem Titel: „Brauchen Künstler heute noch Labels?“ Beim Pubcrawl treffen die Teilnehmer – aufgeteilt in zwei Gruppen – nacheinander auf einen Referenten in einem Pub (hence the name) und tauschen 30 Minuten später, bevor man in der dritten Location noch mal zusammentrifft.

Auch wenn ich pünktlich beim Treffpunkt bei den Tanzenden Türmen war: ich habe die Gruppe verpasst. Dank der Kontakte von Christian Tjaben (und meiner Ortskenntnis ;-)) konnte ich hinterher traben und traf bei den „3 Freunden“ (ehemals Bar Central) die Gruppe und als Referent Tim Renner. Jener war einst legendär mit seinem Cassetten-Fanzine „Festival der Guten Taten“ – vor 30 Jahren. Ach ja, in der Zwischenzeit leitete er die deutsche Niederlassung des Musikkonzerns Universal.

pubcrawl

(ja, das Bild ist mies – aber aus dokumentarischen Gründen enthalten: v.l.n.r. Songwriter John Allen, Tim Renner (Motor), Sven Wiesner (Beebop), Markus Beele (Warner))

Zum Thema: Tim schüttelt den Kopf, Nein, ein Label bräuchte man nicht mehr. Vieles könne man erst einmal selbst machen (Social Media) und dann könne  man sich die Spezialisten, die zu einem passen, einzeln aussuchen. Dabei spare man nicht nur Geld (möglicherweise) sondern behielte vor allem die Rechte an den eigenen Songs.

Im Nachthafen war Markus Beele (Director Digital Marketing Central Europe Warner Music) etwas anderer Meinung: Ohne Label wird das nichts mit der großen Karriere, und Warner Music  wüsste, wie man’s macht. Ein modernes Label sei auch kein Vertrieb von Tonträgern mehr sondern spezialisierte Agentur und Bank in einem. Am Ende, im Kaffee Stark, stellte man fest, dass man soo weit dann doch nicht auseinander liegen würde. Ob die jungen Teilnehmer nun das Geheimrezept für den Erfolg erhalten haben, mag ich – trotz hochkarätiger Referenten – nicht ganz glauben. Den Fragen nach zu urteilen, suchen die jungen angehenden Stars in meiner Runde einen Fahr- bzw. Lehrplan. Oder – um es kurz zu machen – „ihnen fehlt der Punk“. Kurz vor zehn war der Pubcrawl zu Ende und es war endlich Zeit, die Flatstock-Convention zu checken.

Flatstock Poster Convention

Flatstock+Festival+2b

Erster Stopp: der Stand von Mitorganisator und Freund Thorsten Jahnke (mitchum d.a.) (siehe Plakat oben). Ich muss zugeben, dass mir in der Vergangenheit die meisten Poster auf der Flatstock-Convention nicht wirklich etwas gegeben haben. Zu oft sind hier Skulls, Tattoos und andere „harte Männer-Utensilien“ zu sehen, im Versuch hier das Underground-Rock-Klischee zu bedienen. Daher sprangen mich auch drei Stände an, die auf jeden Fall ander, europäischer waren. Bobby von Telegramme Studios aus Poster hat Poster für Saint Etienne oder The Computers an Bord – mit graphischen, flächigen Elementen – das mag ich.

bobbyFlatstock+Festival+3b

Der Ire in Liverpool, Gary (unten links) vom Horse Graphic Design Studio, ist ähnlich europäisch – obwohl das Elton John Poster sicher auf einem alten Überseedampferplakat von Hapag Lloyd basiert.  Hinter Palefroi verbergen sich zwei junge Franzosen, die jetzt in Berlin leben: Marion Jdanoff und Damien Tran. Ihr sehr eigener Stil passt nicht in jedes Jugend-… pardon,  Wohnzimmer, aber ihr recht künstlerischer Anspruch ist eben auch meilenweit entfernt von herkömmlichen Rockpostern

garyFlatstock+Festival+2a

damienFlatstock+Festival+3

Music please

Als ehemaliger HipHop-Fan, ließ ich mich von TanU (Hasenschaukel) überreden, zum Geheimgig zu Caspar zu gehen – dafür hatte er ein schmuckes orangenes Bändchen dabei (s.u.) Doch vorher wollte ich noch unbedingt Ghostpoet im Mojo Club ansehen.
ghostpoet1

Live entpuppte sich die Dub-Step-Hip-Hop-Melange als weniger rau wie befürchtet bzw. erhofft – je nach musikalischem Standort. Meine Ohren fühlten sich ganz leicht an die Stimme von Maxi Jazz bei „Insomnia“ von Faithless erinnert; englisch, street smart, treibend. Die Band hatte genau die Mischung an Semi-Professionalismus, der mich interessiert. Nicht perfekt aber auf den Punkt. Und: Der Auftritt hatte zumindest eine Haltung (dazu später).

caspar

Caspar präsentierte sein neues Album „Hinterland“ ganz „überraschend“ im Gruenspan und brachte die Menge zum Toben. Das Publikum konnte alles mit“singen“ und der kleine und der dicke Kerl auf der Bühne waren sichtlich gerührt. Die Zukunft des Hip Hop ist das für mich nicht – vollkommen unabhängig von Lokalkolorit oder so. Die Beginner, Brote und Sterne (amongs others) waren seinerzeit vom 90er Hip Hop geprägt: Beats, Rhymes & Life. Die heutigen Flows kann man dagegen getrost in der Pfeife rauchen. Und der Retro-Bezug geht hier leider in Richtung  2 Live Crew und Miami Bass. Ich glaube, dafür bin ich zu ……. erfahren. (tbc)

 

Mein Reeperbahn Festival 2013

Von Crawls, Caspar und Culture Part 1/3

Get The Balance Right – With Left Boy? Part 2/3

The Last Day and Resumee (working title) Part 3/3 (coming soon)