Freitag, 27. Oktober 2013

Get The Balance Right

Diesen Jüngling hätte ich bestimmt übersehen, hätte mich nicht Kollegin Jacey darauf aufmerksam gemacht: Jacco Gardner entpuppte sich zur hellen Mittagszeit in der überfüllten Meanie Bar als junger Songschreiber mit großem Potential – irgendwo zwischen WestCoast-Sunshine- und LIverpool-Pop – der Focus hört überall Syd Barrett (Hippies ;-))

jacco_gardner

Im Anschluss gleich zur Podiumsdiskussion: Get the Balance right. Gefragt wurde: What are the bugs of the system? Keine Angst, bis auf den Schlusssatz ging es hier wenig um Gesellschaftliches, sondern nur um die künftigen Möglichkeiten im Music Biz. Eingeleitet natürlich von Musik und Text des gleichnamigen Depeche Mode-Hits.

Dabei unter anderem Johnny  Häusler (Spreeblick / Plan B), Alan McGee (Ex-Creation Records / 529 Records) , Sat Bisla (A & R Worldwide), Scott Cohen (The Orchard – laut Wikipedia der weltweit größte digitale Vertrieb) und Helienne Lindvall, Journalistin (u.a. Guardian) und Songschreiberin aus Schweden.  Letztere hatte ich am Abend zuvor durch Christian Tjaben (hey, geht auch ohne “r”) kennengelernt. (Dabei hätte ich ihre neoliberalen Ansicht abgewatscht – ich selbst fand mich gar nicht so uncharmant). Moderiert wurde die Diskussion vom Musikwoche-Herausgeber Manfred Gillig-Degrave, der sehr angenehm durch die Diskussion leitete.

balance_diskussion

Es gab nicht soviel Neues zu entdecken. Alan war der Meinung, dass es den Menschen heute an Zeit fehle, richtig Musik zu hören und dass die Bedeutung von Musik schwinden würde – auch als Konsequenz aus den vielen anderen Möglichkeiten wie Games sowie der Qualität des aktuellen Mainstream-Sounds, der die Menschen nicht berühren könnte. Allerdings hätten Mainstream-Hörer nie wirklich Musik gehört, sondern sie nur im Hintergrund laufen, ergänzte Häusler. Irgendjemand sprach von “Fashionists vs. Passionists

Sat und Scott priesen dagegen sehr euphorisch die neuen Wege an, wie man Musik an die Frau und den Mann bringt – es fehle hier häufig nur an Kreativität und Vision. Dabei hatte Johnny schon in seinem ersten Statement festgestellt, statt neuem, direkterem Weg zu den Hörern, gälte für die neuen Strukturen: “There are even more middle men then before”. 

“Noone will wear my mug  on their Shirts”

Neben der bereits bekannten Replik, dass kein Künstler von Spotify-Einnahmen leben könnte, ergänzte Helienne, dass für Songschreiber die gern vorgebrachte Finanzierung über Merchandising wohl nicht funktioniert: “Noone will wear my mug  on their Shirts”. Sie berichtete von einer neuen App in Schweden, die beim Musikhören die Plattencover mitsamt aller Credits anzeigen würde (wenn man denn beim Hören auf den Screen starrt).

Am Ende ging man versöhnlich auseinander nach dem Scott Cohen von dem Record Listening Club erzählte, bei dem sich Interessierte treffen, um ein Album komplett durchzuhören – in aller Ruhe und Andacht. Das würde der Bedeutung von Musik dann doch so gerecht, wie es sich die Anwesenden (im Publikum saß auch noch (Kevin Godley ex-10.C.C. – siehe Sonnabend) wünschen. Der Moderator freute sich auf seinen Ruhestand, um wieder in Ruhe Musik hören zu können. Als Schlußsatz kam dann doch etwas zum System: Michael erinnerte daran, dass die Reallöhne in den letzten zehn Jahren sinken würden, was auch einen Einfluss auf den Verkauf von Musik hätte. Word!

 

The Makers

Die verlängerte Mittagspause ermöglichte mir dann noch den Vortrag von

beizuwohnen. Jule erklärte das Thema und Sven zeigte ein paar spannende und unterhaltende Videos zur technischen Verbindung von Internet und dem “echten Leben”. Als Beispiel hier die interaktiven (?) Weganzeiger:

Ich habe mittlerweile ja auch ein Makey-Makey – aber die Zeit, die Zeit. Wenn Ihr mehr wissen wollt, folgt Jule und Sven.

 

Music, please

Abends dann endlich zu den Tönen: zuerst zu den letzten von Roxanne De Bastion in der Hasenschaukel. Roxanne habe ich bei einer Diskussion auf der republica 2012 kennen und schätzen gelernt – auch wenn sie den 60ern der Beatles nachtrauert. Ihr erstes Album hat die deutsche Britin (?) in Eigenregie mit Produzent Gordon Raphael (The Strokes / Regina Spektor) in Berlin aufgenommen: nette Songs über Blutzellen und andere Lebensinhalte – vorgetragen mit Klampfe. An diesem Abend überzeugte natürlich wieder ihre Coverversion von “Hey Ya”, die Sie jetzt wohl auch veröffentlichen wird. Ihr nächster Gig in Hamburg ist am 23.11 im Freundlich & Kompetent – ich würde sie nur auch endlich einmal mit ihrer Band sehen!

roxanne_de_bastionAb in den Hörsaal zu The Balconies mit Jacquie Neville als Frontfrau. Und wie sie ihre Mähne schwingt (in Form eine acht mit gleichzeitigem Körperdrehen) und dabei die Gitarre schlägt, das erinnert klar an Joan Jett! Die dagegen notwendigerweise etwas blass aussehenden Jungs spielen wie die frühen AC/DC – toll. Leider fangen sie dann doch nach vier Songs das Zeitspielen an, sprich: Gitarrensoli folgt Gitarrensoli. I can do without.

the_balconies

Außerdem hatte mir Anja von der Hasenschaukel ihren nächsten Act ans Herz gelegt: Jon DeRosa ist ein klassisch ausgebildeter Sänger, der – begleitet nur mit seiner Sechssaitigen – eher nach spätem Rockabilly aussieht. Die ersten Songs sind toll und erinnern an Roy Orbison, dann fehlt mir ein bisschen die Geduld. Werde ich nochmal checken – oft sind die Nuancen ja doch auf den Platten besser zu erkennen.

alanmcghee

Da die tolle App kurzfristig meldete, dass Alan McGee im Gruenspan auflegt, musste ich dahin. Da stand nun der kleine Mann und spielte die Töne – von CD – hm. Als Labelchef des neuen 359-Labels, dass jede (?) Veröffentlichung auch auf Vinyl in einer 359er Auflage herausbringt, hätte ich mehr Ehrgeiz erwartet. Sein Set besteht aus Altbewährtem: Stones, Beatles, Run DMC, The Jam und eben “SHOUT TO THE TOP”! Wenn nur einer der 300 Acts des Festivals in ihrer Karriere so einen Song hinbekommt, dann ergibt das Ganze hier einen Sinn.

Böser, schwarzer Mann mit Maske

Im Anschluss kommt ein großer, böser, schwarzer Mann mit Maske: Willis Earl Beal. Der kämpft sich durch einen Morast aus Tönen, den die Band hinter ihm zusammenschiebt. Dazu brüllt, schnauft, singt, springt und wälzt sich der Hühne. Ja, das hatte viel von sämigem Blues – aber die Stimme hat auch etwas opernhaftes. Irgendwie tolles Außen aber merkwürdiges Innen.

lee_will

 

Der kurze Abstecher in die Prinzenbar bescherte Barbarossa, der natürlich einen roten Bart trägt, und mich mit seinen elektronischen Geräten und seiner Falsett-Stimme an Bronski Beat und James Blake erinnerte. Die Cover-Version von Terence Trent-Darbys “Wishing Well” fand ich ganz knorke.

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Da The Strypes schneller ausverkauft war als ich “Entrance Stop” twittern konnte, bin ich zum Warner Music Showcase und habe mir Rakede angeschaut. Ich weiß nicht, ob man die cool finden darf, mir hat die Energie der sechs Jungs sehr gefallen. Und als sie dann noch “The World Is Yours” von NAS auf deutsch coverten (mit textlich etwas anderem Inhalt), da hatten sie mich. One to watch.

left_boy

Warten auf den Label-Hype

Zum Schluss des Tages: Warten auf den Hype. Left Boy stand überall rund um den Kiez in jeder Ecke. Und als die LCD-Wand die Collagen und Textfetzen abfeuerte, die elektronischen Beats ballerten und der Junge mit Kompagnon herumhüpfte, da hatte das zumindest mal Drive. Allerdings: Wenn man die allzeit bekannten Samples (Sweet Dreams – Eurythmics, All this Love That I’m Givin’ – Gwen McCrae) aus den Songs entfernt, dann bleibt da….. nicht viel. Ein paar radebrechende Slogans in Englisch, die der Sohn von André Heller mit seinem österreichischen Dialekt auch nicht cooler macht.  Zuweilen wirkt er wie Goldie Lookin’ Chain – allerdings ernstgemeint. Die Kids lieben heute Abend die Beats und Melodie-Schnipsel – aber nächste Woche?

 

Mein Reeperbahn Festival 2013

Von Crawls, Caspar und Culture Part 1/3

Get The Balance Right – With Left Boy? Part 2/3

Last Day and Resumee (working title) Part 3/3 (coming soon)