Danny and "My Ramones" 1976

Danny und seine Ramones © Reel Art Press

“It was a lonely tuesday evening in 1975”, so beginnt Danny sein Ramones-Märchen. Eigentlich wollte er etwas über Patti Smith schreiben, die live im CBGB’s auftreten sollte. Aber Johnny, Joey, Dee Dee und Tommy nervten ihn so lange, bis er schließlich einwilligte, zu ihrem nächsten Konzert zu gehen. Nach 40 Jahren: Danny Fields zeigt seine Ramones.

„I went to see them to shut them up!“

Danny Fields zeigt seine Ramones

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Doch sprachlos war dann doch er selbst. Nach 11 Sekunden wäre er überzeugt gewesen. “Sie schrieben tolle Songs. Den ersten, den ich gehört habe war <I don’t wanna go down to the Basement>. Genau! Darüber hat noch keiner gesungen!” Sein Entschluss: Er wird ihr erster Manager. Dafür muss er allerdings Geld vorstrecken – für ein neues Drumset. Er wandte sich an seine Mutter “Sie werden einen Vertrag unterschreiben und mich reich machen – aber ich brauche die 3000 $!”. Danny war es auch, der zunächst seine Bekannte Linda Stein und dann ihren Mann, Seymour Stein, überzeugt. Das Ergebnis: der Plattendeal mit Sire Records.

Prelude: Namedropping galore

Beatles biggger than Jesus

© Foto AP

Danny Fields ist 1975 kein unbeschriebenes Blatt. Begonnen hat seine Karriere bei “Datebook” – einem Musikmagazin für Teenies. Dort schnappte er sich im Sommer 1966 ein Interview-Zitat von John Lennon aus dem London Evening Standard vom März desselben Jahres. Das hatte in England keine Reaktionen hervorgerufen. Ganz anders in den USA. Der Satz, “die Beatles sind jetzt größer / populärer als Jesus” führt zu Radioboykotten, Plattenverbrennungen und Morddrohungen. Etwas, dass die Beatles ihm nicht wirklich übel genommen hätten.

Weitere Namen gefällig? Er teilte sich ein Appartment mit Andy Warhols Muse Eddie Sedgewick, arbeitete für The Doors bevor sie berühmt wurden, überzeugte das Label Elektra davon, die MC5 und Iggy Pop & The Stooges unter Vertrag zu nehmen, schrieb die Liner Notes für das Velvet Underground Album “Live At Max’s Kansas City”, managte Jonathan Richman und pushte alle seine Künstler in die Teenie-Magazine, für die er weiterhin arbeitete. So sahen Heranwachsende neben Donny Osmond oder David Cassidy auch Alice Cooper oder Iggy. Eine wichtige Freundin für seine Karriere als Fotograf war Linda Eastman aka McCartney, der er auch einen Bildband (no afliliate) widmete.

Viele Enden mit Schrecken

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Er war immer früh dort, wo etwas losgetreten wurde – doch selten blieb er lange genug dabei, um Lorbeeren und Loot zu ernten. War es die Animosität mit Jim Morrisson, ein chaotischer Unfall der Stooges oder die homophobe Einstellung vom zweiten Ramones-Drummer Marky – für Danny war irgendwann kein Platz mehr. Bitter scheint er dabei nicht geworden zu sein: “If you’re fired, wear it like a badge of honor” – zumindest solange man unter 30 Jahre ist.

My Ramones – die 1-2-3-4-Bibel

My Ramones by Danny Fields

The Book!

Aus glücklicheren Tagen speist sich sein Buch My Ramones. “As a manager – there’s not a lot to do when touring. So i took them out and snapped some pictures.” Und so dokumentiert der Fotoband die ersten, prägenden Jahre der vier Jungs aus Queens. Damit setzte er – zusammen mit Arturo Vega, dem Art Designer der Band – nicht nur den typischen Look der Ramones (vier Typen in Jeans, Lederjacke vor einer Wand), sondern gleich ein Vorbild für viele Nachahmer-Bands, denen selbst auch optisch nicht viel eigenes einfiel. Doch hier ist das Original – und vieles mehr.

Danny Fields zeigt seine Ramones

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Wenn Joey zum Beispiel im Plattenladen Placido Domingo-Scheiben studiert, Dee Dee mit UK Punk-Legende Jordan posiert, Johnny in sich gekehrt kauert oder Tommy die ersten Aufnahmen abhört – die Ramones sind eine Gang. Sie sind eine herausgewachsene Schülerband aus der Zeit von Detektiv Rockford, Jimmy Carter und dem Ende der Hippie-Culture. 

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Zurück in unschuldige Zeiten

Fast ausschließlich in schwarz/weiß gehalten, funktionieren die Fotos wie eine Zeitmaschine. Neben ein paar bekannten Fotos – Textblatt-Foto von “Leave Home”, Front-Cover “Rocket To Russia”, Titel-Foto im NME 1977 – gibt es viele unveröffentlichte Schnappschüsse aus dem Studio, von der Bühne sowie bei Ausflügen in Städten und Straßen. Dabei spielen die Aufnahme in Washington vor dem United States Capitol, dem Supreme Court und dem Weißen Haus für Danny eine besondere Rolle. Sie wirken gleichzeitig typisch amerikanisch und – im guten Sinne – deplaziert und fangen so die Stimmung der 1970er perfekt ein. Nach dem Ausstieg von Tommy war auch für Danny Schluss. Es gab noch einen Song auf dem “End Of The Century”-Album namens “Danny Says” – aber der hieße eigentlich “Tommy Says” und handelte von Joeys damaliger Freundin und künftig Frau von Johnny: Linda Daniele.

Michelle Records- eine eigene Legende:
Die Legende Danny Fields war Gast bei einer Hamburger Institution. Michelle Records besteht seit über 40 Jahren. 
Meine ersten Punk-Platten habe ich noch am Glockengießerwall über einem Hippie-Laden gekauft. Neben der steilen Treppe stapelte sich zum Beispiel das erste Album von The Jam.Mittlerweile am Getrudenkirchhof, bietet der Laden eine große Auswahl und sorgt dafür, dass auch obskurere Platten den Weg nach Hamburg finden. Neben dem jährlichen Record Store Day, sind es die großartigen (und kostenlosen) Schaufenster-Konzerte, die das Publikum begeistern. So nah’ kommt man seinen Künstlern selten. Die kompetente und nette, unaufdringliche Art von Andre, Christoph und Markus (und weiteren) macht Michelle Records zum Anlaufpunkt für Tonträger-Liebhaber aller Generationen und Stile.

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My Ramones ist auch ein Abschiedsbrief: an die Band, die Mitglieder, Arturo und die New Yorker Szene überhaupt. An eine Zeit, in der vieles möglich schien, weil sich niemand um solche Spinner scherte – entweder, weil man selbst gerade etwas auf die Beine stellte, oder den Ansatz überhaupt nicht verstand. Daraus einen Business Plan zu machen, war so weit entfernt wie der Mars. Denn Business war nicht die Hauptantriebsfeder. 

New York, ice cream, TV, travel, good times
Norman Wisdom, Johnny, Joey, Dee Dee, good times

<“Things that Dreams are made of”, Human League (Dare, 1981)>

Danny bei Michelle

Danny im Gespräch mit Christoph Dallach

Danny im Gespräch mit Christoph Dallach

 

Wer ein solches Leben geführt hat, zwischen Pop und ikonischen Bands und immer zur rechten Zeit am rechten Platz zu sein schien, besitzt natürlich auch selbst etwas Glamouröses. Doch das nimmt Danny nicht an. Beim Talk in den Räumen von Michelle Records spielt er die eigene Rolle oft herunter.

Auch europäische Schlauschnackfragen (unter anderem von mir), lässt er lässig ins Leere laufen: Nein, er wisse nicht, warum er nun gerade diese Bands früh für sich entdeckt hätte, er hätte kein “Erfolgsrezept” – es gäbe auch viele persönliche Favourites, die heute niemand kennt. Und er könne auch neuen Bands keine Tipps geben1. Dafür schwärmt er für “deutsche Musik” wie Johannes Sebastian Bach oder Paul Kalkbrenner und erinnert sich zurück als Nina Simone noch in der Bar um die Ecke spielte. 

“Dance, Drink or Fuck!”

Dann blitzt die Leidenschaft doch noch auf: “Eating to Music is disgusting!” – dazu dürfe man nur Tanzen, Trinken oder F*cken. Alles andere wäre oberflächlich. Da lässt er auch einen Einwand einer Künstlerin aus dem Publikum nicht durchgehen, die Musik während ihrer Produktion hören würde. 

Danny Fields ist einer der echten Macher, die etwas in Gang setzen und neue Türen öffnen. Dass er keinen Masterplan verfolgt, hält die Sache spannend, sorgt aber auch dafür, dass Personen wie Danny oft nicht richtig belohnt werden. Auch darum sollte My Ramones in vielen Haushalten stehen. 

1. Ein Hinweis gibt allerdings Johnny zu Paul Simonon (The Clash) während des ersten Konzerts in London: “You guys going to keep rehearsing forever? Nobody’s gonna know. They just want to be blown away.”

 

Honourable Mentions:

Ramones Museum, Berlin
“Cult Heroes”, Guardian
Danny Says, the Movie on Netflix