Heaven 17! Portishead! Goldfrapp! – alle auf einer Bühne! Das Moog-Ensemble gab sich unter dem Titel “Elektronauten” in der Elbphilharmonie die Ehre. Sie kredenzten elektronische 3D-Klänge auf monophonen Synthesizern – ergänzt durch analoge Drums, Gongs, Gitarren und Flöten. Der Titel: Almost Human – A Triptych in 3D.

Schaben und Löten in der Elphi

Im Rahmen des Festivals “Elektronauten – Pioniere der elektronischen Musik” pochte, schabte und klang es drei Tage lang in der Elbphilharmonie. Neben Wiederaufführung ganz alter Helden, gab es auch Workshops um ein eigenes Gerät zu löten. Höhepunkt war das Konzert am Sonnabend im großen Saal.

Martyn Ware ist ein weitgereister Mann: aus den Kellern im ehemaligen Stahlzentrum Sheffield zu den Höhen der Charts über die Entwicklung neuer Klangerzeuger und Lehrtätigkeit in Musikhochschulen. Und er hat augenscheinlich seinen Korg 700S mitgebracht, auf dem u.a. “Being Boiled” entstand. 

Will Gregory ist der Wizzard bei Goldfrapp und kombiniert mit seinem Ensemble Johann Sebastian Bach mit Matthew Herbert. Dritter im Bunde ist Portishead-Mitglied Adrian Utley, der zwischen Saiten und Tasten wechselt. Begleitet werden sie auf der Bühne von acht Musikern und zwei Sängern.

Dass die Erwartungen hoch sind, versteht sich von selbst. Doch die werden erst einmal auf eine harte Probe gestellt. Elektronauten-Organisator Ware kündigt als Erstes eine Meditation an. Und tatsächlich ist es schon ein weiter Weg von seiner Punk-/Glam-/Disco-Vergangenheit zu diesem langen, langsamen “Piece” mit dem Titel “Empath Machine”. Da ist auch alles dabei: Gong, Kolbenflöte, Gläserspiel usw. Dem Hinweis zu folgen, wir könnten auch die Augen schließen, wäre fatal….. Der alte Punk in mir hat ernste Probleme.

Empire State Human

Im Anschluss dann zwei kurze “Stampfer”. Das Publikum ist merklich erleichtert, dass das Tempo anzieht. Tatsächlich ist dann das doch nicht soo weit weg von The Human League. Denn das übergreifende Thema ist Transhumanismus. Oder besser, der Soundtrack zu einem bedauernden Blick eines Halbmenschen in Space zurück auf die humane Vergangenheit. Eine Art “Sprung in eine Zukunft mit Retro-Blick”. Und die Position von technisch-gestützter Zukunft mit größerem Abstand zur Erde vertrat auch eine Siedlung im Spiel Starforce: Alpha Centauri mit dem Namen “The Human League” – history repeats itself.

Nach der Pause übernimmt Will das Zepter und führt uns durch eigene Stücke und Variationen von Bach. Wir sollen uns vorstellen, wir wären mit Lichtgeschwindigkeit im All unterwegs und empfingen dabei eine Radiostation von der Erde. Besonders spannend ist das Zusammenspiel der acht weiteren Musikern an ihren einstimmigen Geräten – sie sind hoch konzentriert, damit die jeweiligen Einzeltöne im Ensemble zusammenpassen; ein Finger nach dem anderen –  und haben merklich Spaß. Hinzu kommt: Es gibt keine Sequenzer. Das heißt: Wiederholungen von Themen müssen live manuell wiederholt werden. Das eröffnete auch humane Variationen. 

Als Zukunft noch eine Future hatte…

Zum Finale stößt noch einmal Martyn hinzu, der – ich sitze mittlerweile in Reihe zwei – von Nahem doch nicht an Sepp Blatter erinnert, wie ich noch aus dem Rang befürchtete. Ein Teil des brandenburgischen Konzerts – Wendy Carlos gewidmet – schließt das Konzert ab. Zusammenfassend: Ohne Angst vor der Zukunft und den technischen Möglichkeiten ist das Humane erhaltenswürdiger, als es “Digital-Milliardäre” vertreten. Lasst uns also noch die Zeit genießen, in der wir ohne Silizium-Gehirn und USB 9.0-Schnittstelle durchs Leben kommen.