Sudan Archives live im Uebel & GefährlichEs geht hier weder um Schlüpfrigkeiten, noch um den blinden Aberglauben, weibliche Regentschaft wäre automatisch besser. Der Auftritt von Sudan Archives live im Uebel und Gefährlich stellt viel komplexere Fragen zu Kultur und Gesellschaft

Das Überjazz schickt seine Botin und lädt in den Bunker. Sudan Archives war bereits im November beim letzten ÜberJazz-Festival auf Kampnagel. Kann nicht so schlecht gewesen sein: Sie kehrt nach kurzer Zeit zurück nach Hamburg.

Schon wieder Mike Oldfield?

Zum Start tritt Andi Otto an das Cello. Er bemüht sich seinem – recht alten – Instrument neue Töne abzuringen – for the sake of it. Immer dann, wenn „Club-Beats“ sein Gezupfe, Geschabe, Gestreiche ergänzen, beginnt das Publikum brav zu nicken. Das kennt man, das findet man irgendwie gut. Niemand aus der Zielgruppe käme hier auf die Idee, zu buhen oder gar Flaschen zu werfen – we are educated, you know?

Dabei ist Andi Otto wieder einer dieser Künstler, die zu tief ins Fass von Mike Oldfield getaucht sind:  endlose harmonische Belanglosigkeiten, getarnt als intellektuelles Musizieren. So wie bekannterer Kollege Nils Frahm. (Link)

Sudan Archives startet in einer anderen Galaxie. Sie stellt Ihr Streichinstrument vor und lässt sich von Andi begleiten. Und schon klingt das ganze weniger ungewähnlich-gewähnlich. Herr Otto begleitet nur – und das funktioniert hervorragend. Danach wirft Sudan die Beats an. Und auch die sind dann doch ganz anders, als die 08/15 Shuttles vom Support-Act: Während Brittany Parks (so der bürgerliche Name) die Milchstraße erhellt, zündet Herr Otto in Castrop-Rauxel eine Kerze an.

Wenn die 22-jährige Beats und Saiten bedient, bewegt sie sich dazu rhythmisch. Hier liebt jemand seinen Körper und seinen Geist. Etwas, dass der rein intellektuelle Vortrag von Otto vermissen lässt. Und das sorgt auch weiterhin für die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit: So sehr ich die Vorstellung einer besseren Welt vieler Intellektueller teile, der Sex wird dort offensichtlich schlechter sein.

Musik für die Zukunft: Power to the Pussy

Wie es anders geht, zeigt die junge Amerikanerin. Ohne sich an Männerfantasien auszurichten, wälzen die sämigen, Lava-Beats auf uns herab, zu denen Sudan singt, tanzt, klickt und streicht. Die zwei EPs auf dem LA-Label Stones Throw reichen aus, um einen abwechslungsreichen, aufgeladenen Abend. Frau Parks scheut weder Melodien, Synkopen oder abstrakte Klänge zwischen Hip Hop, Elektronik und R&B aus dem nächsten Jahrtausend.

Das ist anregend nicht nur für die XY-Chromosomenträger. Sondern kitzelt Begeisterung heraus auch bei Zuschauerinnen und Zuschauern, die die Pubertät gerade hinter sich gelassen haben. (Ihr braucht mehr Klischees: Schamanin, Hohepriesterin, Teufelsgeigerin, hypnotisch – sucht Euch was aus). Das braucht in Wirklichkeit wenig Erklärungen. Wäre ich auf Ecstasy, würde ich auf eine neue, bessere Parallel-Gesellschaft setzen – aber das wäre doch zu platt.

 

Wenn wir Männer nicht lernen, dass es Spaß nur miteinander und nicht gegeneinander geben kann, dann werden wir in nicht allzu ferner Zeit von diesem Planeten getilgt. Das ist die klare Botschaft der neuen Künstlerinnen, in der Ahnenreihe der von Punk bis Hip Hop – von denen Sudan Archives das fortgeschrittenste „Exemplar“ ist. Immer noch werden Einladungen gesendet, die wir oft nicht annehmen. Stattdessen wird in alten Medien der Machtverlust beklagt und als (wieder mal) Untergang des Abendlandes lautstark beklagt. Männliche Künstler

Ein ehemaliger Geschäftspartner meines Vaters war felsenfest davon überzeugt, dass Frauen nicht komponieren könnten, weil Ihnen das zweite X-Chromosom fehlt. Wäre er bei Sudan Archives live zugegen gewesen, hatte er anschließend Harakiri begehen müssen.

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