Die Band Johnny Moped in Hamburg Was hat mich da geritten? Die Nostalgie? Der erste Auftritt einer alten Legende?1 Oder nur der alte Hype-Schlachtruf: “AUSVERKAUFT”. Es ist nicht mehr ganz nachzuvollziehen: Johnny Moped in Hamburg live – und ich war dabei.

It was 40 ago today…..

Angefixt von den frischen Sounds, griffen wir damals nach (fast) allem, was irgendwie PUNK (Nazi-Rock aus England?) war – ob im Plattenfach des örtlichen Dealers, einem eilig von der Plattenfirma aufgedruckten Label oder einem rotzigen Cover. Dazu gehörte auch Johnny Moped. Und sein Debüt “Cycledelic” machte Spaß. Der Schrauber aus Croydon hatte mit Captain Sensible – später “The Damned” – und kurzzeitig Chrissie Hynde – später “The Pretenders” – sogar künftige Prominenz auf dem Beifahrersitz. Doch weit kam er damit nicht. Sein fahrbarer Untersatz kam schnell ins Stottern. Anfang der 1980er war Schluss. 

Zeitreise: Es ist 2018. Der Goldene Salon ist prall gefüllt, die Stimmung ist prima. Das liegt bestimmt auch an den freundlichen Preisen: Eintritt 18 Euro, Vinyl-Alben für 15, Singles, 8 Euro – das kostet bei aktuelleren Bands gern mal das Doppelte. Und auch der Anteil mitgereister Fans aus Großbritannien erhöht Lautstärke und Adrenalin. Hier hat Hautcreme keine Chance. Die ganze Lebenserfahrung ist in den meisten – männlichen – Gesichtern eingemeißelt. Und: es gab keinen Unterschied mehr zwischen Punk und Hard-Rock – etwas, was damals von Haltung und Lebensstil klar abgegrenzt war. Daran erinnerte kurz die Playlist aus der PA: Wires “12 XU” war zwar Punk – aber niemals Rock. Heute geht es in der Hauptsache um Stromgitarren – egal warum und wie.

“Hey Tomcats”

Paul Halford aka Johnny Moped live in HamburgUnd da steht er auf einmal am Mikrofon: Paul Halford, so der bürgerliche Name der Hauptperson und neben ihm der ebenso lange Mitstreiter Slimy Toad. Sie werden natürlich stürmisch begrüßt. Die fünfköpfige Band spielt schnelle Riffs – fast so wie damals. Und für zwei, drei Songs funktioniert das auch. Da wird im Publikum die Faust rhythmisch gereckt, ein bisschen gepogt und der alte Mann auf der Bühne gefeiert. Und natürlich würde nur ein schlechter Mensch Johnny den Zuspruch nicht gönnen. Immerhin konnte er sich so neue Zähne leisten. Aber das Spektakel ist einfach nicht schön anzusehen. Je länger das Konzert andauert, desto länger werden Gitarrensoli und so leiser der “Gesang”. Es wird immer mehr der Missing Link zum Rentner-Chor im Film Young@Heart. Und die Protagonisten dort versuchen sich immerhin an – für sie – etwas Neues. Das geschieht hier nicht: Riffs, Fäuste, Gebrüll, Gitarrensolo -> next. Punk Rock aus der alten Motoröl-Dose.

Schließlich kommt sein einziger Fast-Hit: “Darling, let’s have another Baby”. Damals ein eher ungewöhnlicher Titel im Programm und heute das Chor-Erlebnis des Abends.2 Damit könnte Robbie WIlliams sicher ein echtes Comeback hinlegen. Leider würde das Paul Halford allerdings nicht wirklich helfen, denn der Songschreiber gehört nicht mehr zur Band.

Johnny Moped in Hamburg 2018 war als Konzert das aufgeführte Argument, warum ich niemals zum Rebellion-Festival fahren werde: “Monsters of Punk Rock” steht für alles, was ich schon damals abgelehnt habe. Die Doku über ihn: “Basically Johnny Moped” vom Captain Sensibles Sohn möchte ich mir aber trotzdem ansehen.

 

Im Vorprogramm: Cavity Search

Kann Punk noch was in 2018? Gute Frage. Wer mit Vorkenntnissen Cavity Search auf der Bühne sieht, muss unwillkürlich schmunzeln: So perfekt ist das Styling. Hochtopierte Haare, Crazy Colour und eine Rasierklinge um den Hals – hier wurden wirklich Original-Quellen studiert. ABER: was Aga da am Mikrofon raushaut ist toll: Die Stimme ist kräftig und scharf, die Präsenz auf der Bühne auch. Sie erinnerte ein bisschen an Poly Styrene. Wenn Cavity Search jetzt noch aus dem Schatten einer Retroband raustreten und sich an aktuelle deutsche Texte wagen würde, dann könnte sich Hamburg warm anziehen.

Cavity Search live

1 (stimmt nicht – lt. dem Buch “Keine Zukunft war gestern” war Johnny Moped bereits 1979 in der Stadt)
2  Davon gibt es auch eine Cover-Version von Kristy MacCoil mit Billy Bragg.