Auch die Soul Stew blickt zurück auf 2018. Teil 1: Róisín Murphy kehrt zurück

Sie war Sängerin von Moloko aus Sheffield, als alles irgendwie Trip Hop hieß. Der größte weltweite Hit war dann allerdings der House-Remix aus Hamburg: Boris Dlugosch katapultiert "Sing It Back" in die Charts. Das ist 20 Jahre her. Seit 2005 musiziert Róisín allein und wechselnden Partnern. Ihr zweites Album Overpowered von 2006 wurde zum Pop-Meisterwerk und war lange vergriffen - auch, weil der ganze große Erfolg verwehrt blieb. Die Aufführung der Platte in der Großen Freiheit gehört zu Konzert-Highlights des Autors dieser Zeilen*.

Das Comeback auf dem Dancefloor

Seitdem gab es immer wieder Kollaborationen und neue Projekte mit eher experimentellem Pop. In diesem Jahr erschienen gleich vier 12"Vinyl-Veröffentlichungen, die auch wieder auf die Tanzfläche drängen.


Zusammen mit Maurice Foulton kombiniert Roisin wieder ein kongeniales Zusammenspiel zwischen freieren Songideen und Pop. Und sie erinnert damit an die frühen 1980er, als die (englischen) Charts spannende und abwechslungsreiche Hits listeten: von Soft Cell zu The Associates, The Human League zu Laurie Anderson mit Sounds aus House, Disco und Electro.. Dabei wird allerdings nicht nach hinten geschaut sondern moderne Produktionstechniken und Einflüsse verwendet.  Bei "The Rumble" gibt es erst vier Takte Jazz-Akkord-Intro (eine Seltenheit in Zeiten der Herrschaft der Skip-Funktion bei Spotify), bevor der Four To The Floor-Beat einsetzt. Und in den folgenden sechseinhalb Minuten steigert sich die Intensität bei Harmonien und Rhythmus. Auch die weiteren sieben Songs aus der 12"-Serie sind eingängiger als die Tracks der letzten beiden Alben "Hairless Toys" und "Take Her Up To Monto". Das trifft auch auf Single-Track-Kollaborationen mit anderen Produzenten zu. Offensichtlich scheint Róisín zwischen Single-Releases und Alben auch künstlerisch zu trennen.

Das Dancefloor-Comback der komplexen Disco-Diva war auf jeden Fall eines der musikalischen Highlights von 2018. Der Gastauftritt beim neuen DJ Koze-Album "Knock Knock" war ebenfalls überzeugend. Und im neuen Jahr erscheint "Overpowered" wieder auf Vinyl - sogar mit einem Extra-Track. Ich spar schon mal auf die Konzert-Tickets....

 

*) Ein Blick zurück

Róisín Murphy - 2007 Hamburg Concert

Róisín Murphy - 2007 Hamburg Concert (© Thomas)

Es ist der 24. November 2007. Die Große Freiheit ist gut gefüllt mit nicht mehr ganz jungen Wilden aus Subkultur- und Schwulenszene. Vom Band laufen Klassiker aus dem New York der späten 1970er und frühen 1980er als DJs und Produzenten die Orgien auf dem Plattentellern zu den Orgien auf den Tanzflächen und Sanitärräumen spielten. Namen wie Larry Levan, David Mancuso, Walter Gibbons oder Francois Kervokian zogen Nachtschwärmer an wie sprichwörtlich das Licht die Motten.

Der erste Musiker kommt auf die Bühne, setzt sich an die Drums und steigt in den laufenden Track ein. Dazu gesellt sich der Bassmann und bald spielt die gesamte Band und die Konserve wird ausgeblendet. In extravagantem Hut betritt Róisín die Bühne und beginnt mit "Cry Baby" eine einzigartige Revue aus extravagantem Elektro-Hits und Bühnenkostümen. Neben Songs aus "Overpowered" präsentiert Róisín auch ihre Kollaboration mit Handsome Boy Modelling School (Prince Paul und Dan The Automator) und einen Remix des Moloko-Tracks "Forever More". Insgesamt eineinhalb Stunden präsentieren Róisín und ihre Musiker ein atemberaubendes Set mit Elementen aus Live-DJ-Set und Modenschau. So wie moderner Pop sein sollte.