Die Originatoren werden selten reich - diese Binsenweisheit der Popkultur scheint Anton Corbijn verinnerlicht zu haben und hat daraus gelernt. Und so wurde aus dem "schlanken, schüchternern Holländer" (Ex-New Musical Express-Schreiber und ZTT-Mastermind Paul Morley) mit autodidaktischem Punk-Gestus ein erfolgreicher Rock-Fotograf für die letzten Dinosaurier, der heute im bürgerlichen Kunst-Kontext rezipiert wird.

Vom schüchternen Holländer zum Rock'n'Roll Outlaw

Wer durch das Brucerius Kunst-Forum schlenderte, um sich Corbijns Aufnahmen aus fast 45 Jahren Fotografie anzuschauen, wird kaum seine Entwicklung übersehen können. Nach den frühen "In-Your-Face"-Aufnahmen von Memphis Slim und Van Morrisson, schnappt er die neuen  englischen Wilden rund um Auftritte in Amsterdam: Da grinst uns Johnny Rotten schelmisch an und Elvis Costello posiert mit Gitarre im (noch) eher einfachen Hotelzimmer. Letztere Aufnahme brachte in zum NME und damit nach London.

Die weitere Geschichte ist bekannt: Er folgt im Auftrag der Zeitung einer jungen aufstrebenden Band in die Provinz, nach Manchester. Dort begleitet er Joy Division durch dieStadt und schießt dabei ein Foto, das schon beim Erscheinen 1979 für Aufsehen sorgt. Noch mal Paul Morley - sinngemäß - "Ohne Anton wären Joy Division womöglich nur vier Männer in Schwarz geblieben."

Doch mit dem Selbstmord von Sänger Ian Curtis wenige Wochen danach gewinnt dieses Bild Kultcharakter - denn nur der Sänger blickt darauf zurück. Erstarrte Corbijn zur Salzsäule und drückte ab?

Das Spiel mit der Unfertigkeit

Diese Art zu Fotografieren machte Anton berühmt; etwas unscharf, nicht zentriert oder sonst irgendwie nicht fokussiert - das Spiel mit der Unfertigkeit. Was aber noch drei Jahren zuvor ein Stilmittel des DIY und der Selbstermächtigung war, wird auf einmal zum Zeichen von "Tiefe", "Schwere", "Authentizität" und "Bedeutung". Eben alles Dinge, die Pop nicht unbedingt braucht. Doch damit verkauft man Tonträger. Und so bekommt sie der Mann bald alle vor seine Kamera: Bowie, Iggy, Tricky, Ari Up und Nina, Mick in Drag, Bryan und Sinatra - aber eben auch zunehmend die neue Rock-Royalty. Und so freundet sich Anton mit den Hochkarätern an, die nun schon seit Jahren für genau die Langeweile stehen, die sie selbst damals vorgaben, zu bekämpfen: U2, Depeche Mode, Coldplay, Bob Geldorf. Alles weiße Männer mit großen Egos - und da möchte Corbijn offensichtlich auch mitspielen. Und wegen seines subkulturellen Ritterschlags durch das Joy Division-Foto, darf er das auch.

Sein Video zu Joy Divisions Atmosphere steht stellvertretend für das leere "Bedeutsame". Darin tragen "Mönche" (Corbijn-)Fotos des verstorbenen Sängers durch die karge Landschaft. 

Foto: Ulrich Perrey

Und wenn Herbert Grönemeyer - ein weiterer enger Freund des Knipsers - davon spricht, dass Corbijn den Porträtierten wie einen Rockstar ablichtet, und man dann auch einer werden muß, dann fasst dieser Satz ziemlich genau zusammen, was mich insgesamt am Œuvre von Anton Corbijn stört: Er wirft sich dem Rock-Starsystem an die Brust, obwohl er einen anderen Background hatte. Womöglich kennt er den selbst nicht mehr. Denn als Person präsentiert er sich auch gern als unrasierter Außenseiter - ganz so wie die gestopften Rock'n'Roll Outlaws aus Corporate Town.

Der Künstler als Künstler

Die Selbstinszenierung im zweiten Stock gerät dann doch noch zum Erfolg. Der Ablichter schminkt und verkleidet sich, um "seine" Popstars zu imitieren. Und das gelingt ausgesprochen gut: a.joplin ist kaum von Janis zu unterscheiden, a.viscious ist das gelungenste Fotodokument des Aushilfsbassisten bei den Sex Pistols und auch sein a.bolan versichert glaubhaft, dass Anton Corbijn mal Fan war. Nur seine Reminiszenz an Ian Curtis scheint eher deplatziert.

Am Ende stehen seine Aufnahmen von Grab-Ornamenten auf Friedhöfen in Genua, Italien aus den späten 1970ern. Hier verließ er sich noch nicht auf das Unscharfe und schafft so merkwürdig lebendige und doch morbide Fotos. Einige dieser Bilder schafften es auf ZTT-Plattencover von The Art Of Noise. Und auch das Titelmotiv des zweiten Joy Division-Albums hat er gefunden. (Verwendet wurde allerdings eine Aufnahme von dem Fotografen Bernard Pierre Wolff).

Wenig Gemeinsamkeiten auf der Playlist

Bis auf die genannten ersten zwei Engländer, fotografierte der Star der Ausstellung ganz wenige meiner musikalischen Helden - weder Orange Juice, The Slits oder The Associates noch ABC, Soft Cell, Siouxsie, Hip Hop, Jazz oder Soul. Einzige lichte Ausnahme ist die frühe Kim Wilde. Wir haben augenscheinlich wenig Gemeinsamkeiten auf der Playlist. Lieber inszeniert er Bono als Cowboy oder neue Adult-West-Coast-Romantik in den 1990ern. Da hilft auch kein Erklärungsversuch über die Obsessionen seiner Eltern mit dem Tod.

Und so bleibt insgesamt ein schaler Geschmack von abgehangener Rock-Rebellion als kleine Schock-Einlage fürs bürgerliche Publikum mit Hang zum "Handgemachten". Und darum passt(e) die Ausstellung dann auch ins Brucerius Kunst Forum.