Es war ursprünglich einer dieser vielen Veranstaltungen auf Facebook, bei der man Interesse zeigt, aber dann letztendlich zuhause bleibt: Einen Hamburger Spielfilm in einer passenden Lokalität schauen. Doch diesmal sagten die elektronische Erinnerung und der Trailer: Komm lass uns hingehen zu St. Pauli Nacht.

 

Schlechte Vorzeichen?

Sönke Wortmann steht landläufig nicht gerade für anregende Unterhaltung: Oft wischt seine Konzentration auf den Mainstream-Erfolg die interessanten Ebenen (falls überhaupt vorhanden) schnell wieder weg. Nicht so bei St. Pauli Nacht – einem Episodenfilm von 1999, angelehnt an Schnitzlers “Reigen”.

Johnny macht die Sache klar.

Johnny – noch ziemlich lebendig.

Die Klammer der Handlung ist das Schicksal von Johnny, einem Ex-Sträfling, der mit neuer Flamme aus der Sparkasse ein solides Leben führen möchte. Doch ein anonymer Anruf prophezeit ein Ableben noch am selben Tag…
Seine Taxifahrt in sein altes Millieu auf den Kiez – mit dem Ex der Sparkassen-Frau am Steuer – startet die St. Pauli Nacht und die dort stattfindenden Geschehnisse.

Darin verwickelt: eine transsexuelle Tänzerin, ihr kleinkrimineller Bruder, ein liebeskranker Friese, ein verzweifelter Postbote aus dem Osten mit großer Ausstattung, ein Junkie mit erfolgreicher Schwester, ein narzisstischer Feta-Hersteller aus Crailsheim, ein anti-Saubermann-Rant von Heiner Lauterbauch und viele weitere Typen. Und um die geht es eigentlich – und deren Durchwurschteln durch das Leben, das nie so läuft, wie man es sich wünscht. Im Abspann erhalten wir auch die Auflösung, wer den Anruf getätigt hat und warum. Ja, es gibt auch ein, zwei “Happy Enden” – aber nicht jeder Charakter erlebt den Abspann.

Retro-Charme und Beobachtungsgabe

Zwei Paare - keine Liebe

Zwei Paarungen – keine Liebe

Als Hamburger labt man sich an dem – damals schon auslaufenden – Kiez-Charme zwischen erstem Mojo-Club und dem Hamburger Berg – inklusive Businessmänner in Absteigen. Aber die Geschichten, die Schauspieler (Armin! Rohde!) und der soulful Soundtrack – mit u.a. James Brown, Martine Girault und Don Covay –  begeistern auch nicht sentimentale Zuschauer.

Ein guter Grund ist das Drehbuch von Frank Göhre. Denn er hat ein Händchen dafür, die Geschichten aufzubauen und uns hineinzuziehen. Der Autor hatte das Sujet schon mit seiner Kiez-Trilogie in Buchform gebracht. Der Text zum viertem Buch, St. Pauli Nacht, wurde von mehreren Regisseuren nachgefragt: z. B. Lars Becker oder Dominik Graf (mit der Frank schon bei “Abwärts” zusammenarbeitete) und einigen mehr. *)

Der Drehbuch-Autor weiht uns ein

Frank Göhre - Autor von St. Pauli Nacht

Frank Göhre (entschuldigt die Lichtverhältnisse)

Darüber erzählt Göhre im Anschluss an die Filmvorführung in der Oberhafenkantine – präsentiert vom Elbblick Festival (FB Page). Zum Beispiel über die vielen Fassungen – jeder Regisseur wollte etwas anderes , schließlich wurde die dritte Version verfilmt. Oder woher die einzelnen Episoden stammen: einiges hat er selbst erlebt, anderes haben Nachbarn erzählt. Dabei ist Frank herzlich, offen und sehr unterhaltsam. Insgesamt wurde daraus ein sehr netter Abend. 

Also vielleicht nicht immer nur “interessiert” klicken – sondern tatsächlich auch mal wieder wirklich hingehen…

*) Ein Werk von “bezwingender Schönheit und zeitloser technischer Eleganz”, so Friedrich Ani in der Süddeutsche Zeitung am 18.12.2007, anlässlich der Neuauflage des Buches. “Und (er) rät, den Film auf keinen Fall zuerst anzuschauen, um sich nicht von Wortmanns Starbesetzung, die man dann nicht mehr aus dem Kopf bekommt, die Fantasie nehmen zu lassen.” (Perlentaucher.de). Das ist nun leider zu spät.