Keine Frauenband

"We're not musicians", Sängerin Ari Up ließ schon früh keinen Zweifel aufkommen: The Slits waren keine Frauenband - sie waren eine Gang, bei der Frauen auf die ihnen gesellschaftlich zugeteilten Rollen pfiffen. Und um das unüberhörbar zu machen, nutzten sie dafür eben Instrumente.

The Slits Here to be heard Film"Here to be heard" - die Dokumentation über Ari, Viv, Tessa und Palmolive feiert seine deutsche Premiere als Pre-Event des Reeperbahnfestivals 2018 im Abaton Kino. Als Gast dabei: Tessa Politt, die Bassistin von Anfang bis zum Ende der Slits. Zusammen mit dem Regisseur William E. Badgley sorgte sie für die Umsetzung von Ari Ups letztem Wunsch: eine Dokumentation ûber die Slits. Die Sängerin starb 2010 an Brust-Krebs in LA. Und für die letzten Szenen des chronologisch aufgebauten Films, gingen Tessa und Tanju, Host des Abends, Ex-Manager von Ari und Tausendsassa der Hamburger Musikszene*), vor die Tür des Kinosaals. Der Tod der Sängerin geht beiden immer noch an die Nieren.

Let's get on with the Movie

Slits ScrapbookDas Intro ist schlicht: Wir begleiten Tessa nach Hause und landen schnell bei ihrem Scrapbook. In einem blauen Umschlag sammelt sie Zeitungsausschnitte seit der Gründung 1976. Vom ersten Auftritt in Harlesden über das Album "Cut", die Trennung und die Reunion. Und das Interessante daran ist der "double-punk-approach". So wie ihre Zeitgenossen das Musikbusiness infrage stellten und die Rolle des Musikers, stellten die Slits auch die Punks infrage und die Art des Musizierens. Das Thema Geschlecht wurde dabei fast beiläufig mit erledigt.

Anhand der gesammelten Zeitungsausschnitte begleiten wir die Slits vom Anfang - noch mit Kate Corrios an der Gitarre und Suzi Webb am Bass, über die erste Umbesetzung zu dem bekannten Quartett, bis hin zur Auflösung, der Reunion und dem Tod von Ari.

Zeitzeugen und Videoschnipsel

Schon der Vorspann verrät, auf wen man sich freuen kann. Neben den lebenden Slits ist u.a. Neneh Cherry dabei, die noch mit der Cut-Besetzung auf der Bühne stand, Don Letts, der in keiner UK-Punk-Doku fehlen darf und die Mitglieder der späten Besetzung - z.B. Hollie Cook, Tochter vom Sex Pistols-Drummer Paul. Toll sind besonders die vielen frühen Videos mit u.a. Billy Idol, Chrissie Hynde und vielen anderen. Da kann eine gewisse Sentimentaliät einsetzen, nach der "guten, alten, wilden Zeit" - doch das ist nicht unbedingt das Ziel dieses Films. Im Interview möchte Tessa viel lieber den Funken weitergeben. An neue Riot Grrls, neue, freche Frauen - ob in Musik, Film oder Literatur.

Wer fürchtet sich vor bösen Mädchen?

Ich hörte das erste Mal von den Slits im Keller meines ersten Punk-Freundes. Und es war klar: Diese Mädchen sind irgendwie gefährlich. Die ersten Live-Aufnahmen waren viel krachiger als das "1-2-3-4" der Ramones-Epigonen. Pogo war hier nicht das Ziel.

Flyer zum ersten AuftrittFlyer zum ersten Auftritt

Und so

[/caption]Und so konnten die Slits niemals das plumpe Pendant der Alt-Punks werden, die - nach jahrelangem Touren - oft automatisch zu Hardrock-Bands mutieren. Dabei kommt man bei denen ins Grübeln, ob sie früher überhaupt einen Unterschied wollten - oder nur technisch noch nicht gut genug waren. Sie strebten eigentlich nach Deep Purple - und landeten eher unfreiwillig bei Stiff Little Fingers.

https://en.wikipedia.org/wiki/Ari_Up

*) Tanju ist ein Partner-in-Punk-Crime seit 40 Jahren, als er mit "Colt 45" ein Konkurrenz-Fanzine zur Orgienpost herausbrachte. Er ist Musiker, war in verschiedenen Band, zuletzt als Solokünstler unterwegs und führte mit Anja elf Jahre lang die legendäre Hasenschaukel. Dort gab es auch einen legendären Solo-Auftritt von Ari, die Tanju zu der Zeit managte.