Damaged Goods - send them back

Seit 1977 war ich eifriger Leser des wöchentlichen "New Musical Express" (NME), den es in Hamburg an Bahnhöfen und ausgewählten Kiosken gab.* Für 2,80 bzw. 3,20 DM bekam man 64 Seiten in schwarz-weiß - evtl. mit Schmuckfarbe vollgestopft war mit Interviews, Konzertankündigungen und selbst die Anzeigen für neue Platten waren oft toll anzuschauen. Am Ende der Lektüre hatte ich schwarze Fingerkuppen.

Die wichtigste Rubrik waren die Reviews: Die Single der Woche muss der ganz heiße Schice sein. Das Problem: Im Radio gab es davon nur einen Ausschnitt zu hören: "Musik für junge Leute nach der Schule" im NDR (ja, NDR!), John Peel auf BFBS, "Street Heat" auf dem Mittelwellenkanal von RTL Luxemburg. Und eine Platte zu bekommen glich - im übertragenen Sinne - Crocodile Dundee im Großstadtdschungel nachzueifern. Vereinzelt tauchten (heute oft gesuchte) deutsche Pressungen in Kaufhäusern und TV- und Radiogeschäften auf - oft am anderen Ende der Stadt. Erlösung versprachen Rip Off im Karoviertel und Unterm Durchschnitt im Durchschnitt. Die importierten direkt und waren manchmal auch nicht sofort ausverkauft. 

Wie mich Jimmy Page zu Andy Gill führte

Das Sammeln von Schallplatten steckte Mitte der Siebziger noch in seinen Kinderschuhen. Es gab relativ wenige Männer, die sich mit Grateful Dead und Stones-Bootlegs über Wasser hielten. Im Oktober 1978 präsentierte der NME auf der Innendoppelseite ein paar Sammlerraritäten: die Beatles mit Puppenköpfen, Original-Bob Dylan-Pressungen mit anderen Songs usw. Dabei auch das zurückgezogene Album "Live Yardbirds" in einem schwarz-weiß Cover**. Grund für die Nichtveröffentlichung: Als Jimmy Page bereits bei Led Zeppelin war, versuchte seine alte Plattenfirma mit alten Aufnahmen schnelles Geld zu drucken. Doch der Guitarhero erwirkte das Einstampfen.  

Eigentlich hätte mich das nicht interessiert, hätte die 2001-Filiale an der Uni nicht zufällig eingeschweißte Exemplare genau dieses Albums im Angebot - für 13,90 DM. Ich witterte meine Chance, bezahlte mit dem letzten Taschengeld und ging direkt zu Robert Nitz in den "Durchschnitt". Der Plan ging auf: Ich durfte mir für 100 DM Platten aussuchen! Das war besser als Weihnachten. Ich kann mich nicht mehr genau an die ca neun oder zehn Singles erinnern, die ich mir damals griff - die Factory Doppel-Single "A Factory Sample" ließ ich jedenfalls links liegen***.  

Aber in den Warenkorb packte ich die Gang Of Four EP "Damaged Goods" auf Fast Records. Soll ich jetzt wirklich schwafeln von dem situationistischen Design etc? Nee, nur das war ausschlaggebend: Single der Woche und cooles Cover. Zuhause angekommen, dann die Enttäuschung: Wie soll man dazu Pogo tanzen? 

Aber das Geld war futsch. Also noch mal auf den Teller und noch mal und noch mal. Und so langsam wurde die Platte besser - sprich: Ich konnte damit etwas anfangen. Erst bohrte sich "Armalite Rifle" in die Gehörgänge, schließlich das ganze Paket: Die parallelen Stimmen bei "Love Like Anthrax" und dann das Titelstück als Hymne. Das war eben doch Punk: politisch, nervend für alte Rock-Säcke und mit schneidender Energie. Musikalisch ging es nicht nur um den charakteristischen Gitarrensound von Andy Gill sondern auch um den Bass von Dave Allen. Hier war schon Funk drin, hier hatte die Hose auch schon einen rotierenden Arsch.

Gang Of Four Anthrax Marxists

"Ihr kommt nicht mit bei unseren Änderungen"

Anderthalb Jahre später, am 23.2.1980, dann das ganze Spektakel live in der Markthalle. Zu dieser Zeit war der Punk-By-Numbers-Sound, den ich mir vor wenigen Monaten selbst noch erhofft hatte, endgültig passé. Die Three-Chord-Copycats waren nur noch bei ewiggestrigen Lederjackenträgern (endlich hatte Punk auch eine erkennbare Uniform) und ein paar alten Rockern (mit Lederwesten statt -jacken) angesagt, die auf den "neuen Zug" aufspringen wollten. Ich hatte meine Lektion gelernt: Was gestern großartig war, muss heute nicht mehr relevant sein. Yesterdays News Today - nej tak.

Der Band blieb ich für die gesamte erste Phase treu - auch in der Chic-Phase am Ende. Das Reunion-Album "Content" führte mich im März 2011 nochmal vor die Bühne im halbvollen Docks - 31 Jahre nach meinem ersten Gang Of Four-Konzert und 33 Jahre nach dem geschilderten Vinyl-Schachzug. Aber ich lenke ab: Wir bleiben bei 45 RPM.

* Mein erstes englisches Mag war der "Melody Maker" von 1975 - gekauft am ovalen Kiosk auf dem alten Rathausmarkt. Ich war lange Zeit felsenfest überzeugt, dass irgendwo in den Anzeigen die Sex Pistols bereits aktiv waren, heute hege ich Zweifel. 

** Wenn das stimmt, habe ich damals ein Bootleg gekauft. Das war gar nicht 

soo unüblich in den 1970ern.

*** Kann nicht stimmen, die Factory-Platte erschien vier Monate später. Habe ich aber auch dann nicht gekauft.

45 RPM: Prelude - Vorspiel