King Krule im Ubel & Gefährlich 2017, Hamburg

Er heult, röhrt und säuselt, bricht zusammen, bäumt sich auf und wirft sein Handwerkszeug auf die Bühne – Archy Samuel Marshall ist ein getriebener Wolf. Am 3. Dezember trat King Krule live in Hamburg im Uebel & Gefährlich auf.

Im Bunker geht nichts mehr. Das Konzert ist seit Wochen ausverkauft, der Weg zu Bar und Bühne versperrt. Das ist kein cooles must-see Konzert für den üblichen Kreis von Musikjournalisten und Medienspinnern. Hier drängen sich junge Leute, um dem Mann des Abends nah zu sein. Und obwohl seine Songs keine eingängigen Radio-Hamburg-Hit-Qualitäten besitzen, wird getanzt, gefeiert und mitgesungen.

King Krule Hamburg TracklistKing Krule live in Hamburg

Schon im Spätsommer hatte Archy auf dem Dockville Open Air gezeigt, welche Intensität er erzeugen kann – im Gegensatz zu vielen eher blassen Indie-Disco-Elektro-Combos seiner Generation. Doch hier, im dunklen Bunker auf dem Heiligengeistfeld, zündete sein Feuerwerk an Jazz-Akkorden, Funk-Bass, Punk-Geschrammel und Saxophon-Gequietsche noch deutlich stärker.

Dabei überzeugt dieser Sound immer dann, wenn er rhythmisch nach vorn drängt, schnelle, abgehackte Riffs, Disco-Basslines und kurze, kantige Textzeilen. Bei den langsameren Titeln tropft der Sound sämig von der Bühne und die begleitenden, klagenden Schreie erinnern dann eher an die Urschrei-Therapie der frühen 70er Jahre. Doch warum sollte das den 25-jährigen kümmern, der seit jeher – laut eigener Aussage – Schwierigkeiten mit Disziplin und Gehorsam hat1.

Eine neue Pop-Generation 

Auch die jungen Fans wollen eher mehr Bewegung und Energie: abseitige Indie-Disko mit glaubwürdigem Weltschmerz, einer gehörigen Portion Wut und (englischer) Coolness. Ältere Semester bemühen Referenzen von Joe Strummer, Billy Bragg bis hin zu Chet Baker. Oder sind es doch The Pixies und The Libertines, die er selbst als frühe Einflüsse nennt. Oder stand gar der Punk-Funk von James Chance Pate?  Egal – gemeinsam ist: Hier sucht einer nach Klängen, die er machen muss – nicht machen soll. Der Business-Plan steht hier an zweiter Stelle. So wie es überzeugender Pop immer gemacht hat. Und das erkennt ein junges Publikum, dem von außen oft eher wenig Geschmackssicherheit zugestanden wird. Die Fans, mit denen ich im Anschluss sprach, spannten schnell einen Kosmos ähnlicher Musik von 2017 und suchen aktiv den Anschluss an den Post-Punk und Early-Elektro-Sound der frühen 80er.

Jean-Michel Basquiat
Out Getting Ribs 1982
Pencil on paper

Am Ende verausgabt sich King Krule mit seinem Plattendebüt “Out Getting Ribs” von 2010. Dieser frühe Entwurf von Leidenschaft – beeinflusst von Jean Michel Basquait, fasste schon damals alles zusammen, was King Krule heute noch umtreibt. Eine romantische Vorstellung vom leidenschaftlichen Leben, das ab und zu kurz aufflammt – aber am Ende eine Illusion bleibt. Und doch wird er danach weiter suchen – wie ein getriebener Wolf.

 

King Krule Interview (Guardian, 24.08.13)