...music for Zeroes (The Damned). Nein, so einfach ist das Motto hier natürlich nicht. Aber der Hamburg Musik Award Krach und Getöse sucht nicht unbedingt nach samey-samey Popmusik aus handwerklich ausgebildeten, aber oft auch recht langweiligen Hochschulen, die dort offensichtlich zu viel zu Vermarktung beigebracht bekommen - und zu wenig zu Pop, der auch poppt.

Beim 13. Durchlauf des Wettbewerbs bin ich tatsächlich geflasht. Das hier ist etwas ganz anderes als ein paar in die Jahre gekommene Schülerbands. Und wenn nur ein Teil der insgesamt 150 Teilnehmer halb so gut sind wie die Gewinner, dann schlage ich vor, dass wir bald die Studios der hiesigen Radiosender stürmen müssen, damit mehr Menschen sich eine eigenen Meinung bilden können.

Die Show, der Stream

Dank Corona gibt es irgendwie keine richtige Live-Veranstaltung und dann auch irgendwie doch. Nach kurzer Begrüßung von Rock City-Chefin Andrea Rothaug folgt ein "Live-Stream", der sich sofort als Aufzeichnung entpuppt - gedreht im Nochtspeicher. Aber so wht?! (dazu später). So gibt es eine knackige Fernsehshow mit Moderation, Showband, Kurz-Interviews, Einspielern und Live Auftritten von früheren Siegern Summer & The GIANTESS und der großartigen Finna sind auch gelungen. Wäre bestimmt eine gute monatliche Alternative zur Samstagabendshow auf ARD. Dass das NuHussel Orchestra als Hausband in dieser Runde ein bisschen zu viel Platz bekommt im Gegensatz zur Musik der Sieger und dass heute Moderation oft nach dem Aneinanderreihen von Nettigkeiten erschöpft ist, sind die einzigen kleinen Einschränkungen.

Aber das ist natürlich auch ein Problem des - ähem - Alters. Man kennt es selbst etwas anders und ist etwas unfreier, da auch eine Menge alter Referenzen im Kopf herumspuken. Und so sitze ich im betahaus hamburg, wo der "Livestream" ankommt, zwischen vielen jungen CheckerInnen, die allerdings mehr wissen und machen. Sie haben sich jeweils mit einem Video für Krach und Getöse beworben, und die sind so unterschiedlich wie gelungen.

Wir bauen eine neue Pop-Stadt

Zum Beispiel wie Rapperin Mariybu, die mit "Alles Gut" wortgewaltig eine Trennung verarbeitet. (Video noch nicht online? - wird hier nach eingeklebt) - klar, kantig, feministisch. Immerhin: Ihr Song "PMS" lief im letzten Sommer auch in meiner Soul Stew Radio Show, denn Ihr Auftritt - und der der angeschlossen Fe:male Treasure - auf dem Lattenplatz war kraftvoll, deutlich und einfach gelungen. Und basiert auf einem Selbstverständnis eines Feminismus ohne Bedienung des "männlichen Blicks", wie es viele andere Künstlerinnen aus dem Genre tun.

 

Eine ganz andere Baustelle sind Melting Palms. Mit ihrem Sound und dem Video (für 150 Euro!) zu "Fused" entstauben sie die E-Gitarre, ohne in alte Rockposen zu verfallen. Das ist Pop mit psychedelischem Einschlag (Kommentar bei YouTube: "Fühlt sich an wie drauf sein, ohne drauf zu sein"). Ganz grob: My Bloody Valentine in neu.

Deutlich mehr Pop bieten Schorl3 (Schorle). Sie sind "Zu arm für Kokain".  Ein Problem, dessen ganze Tragweite erst im Laufe von Text und Video erkennbar wird. "Sie würde gern mit mir ziehen, doch dafür müsste ich mehr Geld verdienen. Sie wär' so gern verstrahlt, doch ich bin unterbezahlt." Auch die anderen sieben (!) Songs der Combo bringen eleganten  Melodien mit kleinen, etwas bösen Geschichten aus dem Hier und Jetzt. Mir gefallen sie sehr viel besser als ihr musikalisches Vorbild Jamiroquai.

Dass nun gerade Annett Louisan die nächsten Preisträger huldigt, passt nich so ganz in mein musikalisches Weltbild - aber sei's drum. Denn an WHT?! führt kein Weg dran vorbei. Sie machen Pop - aber ein bisschen derber als Schorl3. Das liegt nicht nur an der Präsenz von Sänger Alex, sondern auch an den fetten Synthie- und Drum-Sounds, die ganz klar "80er Boogie" in die Welt posaunen (ok, schiefes Bild - aber so f*cking wht?!). "Beverly Hills" ist ein Knüller zwischen Palmen und Hometrainer und zeigt, dass Wht?! schon längst dort angekommen sind, wo Jan Delay heute gerne wäre.

Und zum Finale "something completely different": Klebe und "Es ist Frühling". Früher in einem Duo versteckt, wagt sich Liza Ohm jetzt allein nach vorn und lässt uns tiefer in ihre Gedanken, Ängste und Hoffnungen schauen. Klingt kitschig? Tough Shit. "Frühling" ist ein entwaffnender Song zwischen 60s Dream Pop und Lana Del Rey mit einem Video aus nur einer Einstellung und der tröstenden Aussage "Nein, Du bist nicht zu alt und ja, Du bist schön". 

 

Das Dilemma der Hamburger Szene

Selbst wenn nur diese fünf Bands und Künstler in Hamburg überzeugenden Pop machen würden, ist die Radiolandschaft das eigentliche Dilemma für die hiesige Szene: Während man heute noch (nach 40 Jahren) abgestandene Belanglosigkeiten wie Lonzos Dinosaurier tagsüber im Äther hören muss, wird der neue Pop höchstens in Spezialsendungen in Nachtschiene und Internet versteckt. Dabei haben diese Songs und ältere Klassiker von Der Liga der gewöhnlichen Gentlemen, Bernd Begemann, Den Zimmermännern, Andreas Dorau oder Erobique (um nur einige zu nennen) durchaus Hitqualitäten. Sie müssten nur mal dem "Normalpublikum" öfter angeboten werden, damit es erfährt, dass sich die Beatles (und die Rentnerband) tatsächlich getrennt haben. Eigentlich eine tolle Chance, ein eigenständiges Radioprogramm zu entwickeln, werter NDR?. 

Denn bei Spotify, YouTube und Ähnlichem muss man oft gezielt danach suchen, um zu finden. Und das macht nicht jeder. (Auch ich kannte nicht alle Bands vor dem diesjährigen Krach und Getöse Award.)

Fazit: Krach und Getöse 2021

Nachwuchswettbewerbe sind im Showgeschäft nicht unbedingt der Einstieg in die große oder kleine Karriere. Und die Unterstützung von 1.200 Euro plus Coaching für jeden Gewinner ist zwar mehr als symbolisch, sollte in der "Musikstadt Hamburg" aber höher ausfallen können - hallo Haspa, hallo hamburg.de. Und RockCity Hamburg e.V. weiß, wer das bekommen sollte. In der Vergangenheit wurden Sophia Kennedy, Hayti oder Pool ausgezeichnet. Damit setzt Krach und Getöse (Website) ein Zeichen für die spannende aktuelle Musik, die nicht nur auf Spotify-Playlisten schielt. Ich bin nächstes Jahr gern wieder dabei.